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Düsseldorf
Das Cabinet der Dr. Merkel

Düsseldorf: Das Cabinet der Dr. Merkel
Therapie für Politiker (v.l.): Dorkas Kiefer (als Ursula von der Leyen), Gerhard Fehn (als Sigmar Gabriel), Claus Thull-Emden (als Therapeut Hellmann), Frank Büssing (als Horst Seehofer) und Nina Vorbrodt (als Angela Merkel). FOTO: Nicole Brühl
Düsseldorf. Die Komödie "Mutti" von Juli Zeh und Charlotte Roos hatte Premiere im Theater an der Kö. Irgendwann gleitet das Stück ins Absurde ab. Hinterher gab es herzlichen Beifall für einen unterhaltsamen Abend. Von Regina Goldlücke

Zuerst wedelt Angela über die Bühne. Den resoluten Schritt und die nölige Miene der Kanzlerin hat Nina Vorbrodt prima drauf. Nach und nach trudeln Ursula, Horst und Sigmar ein. Alle kleben an ihren Smartphones und sind nur widerwillig erschienen, das ist dem Ernst der Lage geschuldet. Deutschlands Politik tritt auf der Stelle, unliebsame Wahrheiten müssen dem Volk schmackhaft gemacht werden. Das Quartett schnappt nach dem letzten Strohhalm, der Inspiration und frische Impulse verspricht - eine therapeutisch begleitete Systemaufstellung.

Dieses Szenario leitet die groteske Komödie "Mutti" von Juli Zeh und Charlotte Roos ein, die im Theater an der Kö Premiere hatte. Schon vorher brachte ein Kurzauftritt des - echten - Christian Lindner das Publikum zum Lachen. Stellvertretend für Theaterchef René Heinersdorff, der in Hamburg spielte, legte der FDP-Politiker eine launige Begrüßung hin. Ausnahmsweise sei ihm der momentane Durchhänger seiner Partei geradezu angenehm. Sonst, vermutete Lindner, hätte er ebenfalls sein Fett wegbekommen.

Die aus der Polit-Arena ins Theater geworfenen vertrauten Gestalten sind überwiegend treffsicher gezeichnet. Nina Vorbrodt bringt ihren Text stocksteif und staubtrocken über die Rampe und gleicht damit ihrem nüchternen Vorbild. Dorkas Kiefer als Ursula von der Leyen ist eine Magnolie aus Stahl, zart, aber enorm willenstark. Man solle sie ausreden lassen, fordert sie stürmisch, auch wenn keiner sie unterbricht. Mit feinem Lächeln verteilt sie ihre kleinen Boshaftigkeiten. Verschont wird nur die Kanzlerin. "Angela und ich" klingt bei Ursula wie eine Beschwörungsformel. Gerhard Fehn ähnelt nicht wirklich dem Parteivorsitzenden Gabriel, hier muss die Fantasie tüchtig nachhelfen. Allerdings bietet der Politiker auch in natura keine Steilvorlage für Parodisten. Frank Büssing dagegen spielt seinen Seehofer drollig aus - immer ein wenig neben der Spur und einen Tick zu spät dran.

Während in Moskau das Finale um die Fußball-Weltmeisterschaft tobt und Deutschland seinen Titel gegen China zu verteidigen sucht (das muss also 2018 sein), nimmt Therapeut Hellmann die Versuchsanordnung auf. Konflikte sollen sichtbar gemacht, verkrustete Verhaltensmuster aufgebrochen werden. Claus Thull-Emden spielt seine Rolle souverän und aalglatt. Beflissen treibt er das Psycho-Spiel voran. Mutti Merkel versucht ihm mit Ursulas Assistenz das Heft aus der Hand zu nehmen, Sigmar und Horst schwatzen wie Schulbuben. Bald stören beunruhigende Ereignisse in Moskau die Gruppentherapie. Im Stadion sitzen King Charles, Hillary und Berlusconi - ein kühner Ausblick auf künftige Machtverhältnisse. Nur in Deutschland ist unverrückt die große Koalition am Ruder. Spaßig: Per Video wird Jogi Löw der Kanzlerin zugeschaltet. Mit schlimmer Perücke gibt René Heinersdorff den schwäbelnden Bundestrainer.

Dann gleitet das Stück ins Absurde ab. Das wilde Durcheinander um einen Arbeiteraufstand in Katar und eine Demonstration in Moskau setzt Merkel unter Zugzwang. Würde das Spiel bei Gleichstand abgepfiffen, könnte sie eine Massenpanik verhindern und ihre Macht in Europa stärken. Häh? Müssen wir aber alles nicht verstehen, solange nur Angela, Ursula, Sigmar und Horst bei diesem ausufernden Polit-Palaver den Überblick behalten. Den Schluss von "Mutti" hat Heinersdorff radikal umgeschrieben und überrascht mit einer waghalsigen Auflösung. Herzlicher Beifall für einen unterhaltsamen Abend.

Quelle: RP
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