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Düsseldorf
Das gibt es nicht bei Ikea

Düsseldorf. Im Kai 10 wird Interieur in der Gegenwartskunst untersucht. 13 Künstler bringen unterschiedliche Genres und Formate ein - von Laurenz Berges bis zu Gregor Schneider. Von Annette Bosetti

Es ist erstaunlich, wie eng Wohnen und Menschen verbunden sind. Wie eine zweite Haut umfangen die vier Wände ihre Bewohner. Und sie geben viel preis, was sonst vielleicht nur bei Plaudereien aus dem Nähkästchen herauskommen würde. Selbst wenn wir keine Menschen in einem Raum sehen, können wir uns ungefähr ein Bild davon machen, wer in ihm lebt, über sozialen Status, Geschmack, persönliche Verortung, Lebensleitlinien.

Im Kai 10 sind Künstler Konstrukteure von Interieurs, die in unterschiedlichen Formaten nicht nur private, sondern auch öffentliche Lebenszusammenhänge widerspiegeln. Unter dem Titel "Homebase" ist ein Thema in Variationen erbaulich nebeneinandergesetzt, von Fotografie und Video über deckenhohe Installationen und eine Kleinstbehausung, über Wandbilder und Projektionen hin zu monochromen Materialschlachten mit Mobiliar.

Die Kuratoren der Ausstellung, Harriet Zilch und Ludwig Seyfarth, behaupten, dass das Zuhause im Zeitalter globaler Vernetzung wieder an Bedeutung gewinnt und belegen das mit extrem aktuellen Beispielen. Darunter ist die beklemmende Videoarbeit von Gregor Schneider, Teil seiner unendlichen Aufzeichnungen und Bearbeitungen von "Haus u r". Niemand sonst gilt als vergleichbarer Experte von künstlerisch durchdrungenen Interieurs als der Rheinländer, der Räume als zentrales Thema seines Schaffens inszeniert. Gleich am Eingang vom Kai 10 sind mehrere Arbeiten von Schneider aufgebaut, ein Grundrauschen stimmt ein aufs Gedankenschwere; auch die selten zu sehende Außenarbeit "Hauptstraße" ist aufgebaut, die die Situation der verlorenen Heimat infolge von Garzweiler schlicht mit geschlossenen Rollladen dokumentiert.

Am anderen Ende der Wahrnehmungsskala die illusionären wie berauschenden Tapeterien von Patricia Lambertus. Ein eigenes Eckzimmer hat die Allgäuerin im Kai 10 bezogen, in Collage-Technik die Wände mit assoziationsreichem Material beklebt: Figuren vom "Planet der Affen" schauen sich in der gotischen Kirchenhalle um, der Sonnenuntergang vor Südseepanorama scheint ganz falsch platziert, in Wahrheit ist es ein Illusionsraum mit desillusionierender Botschaft: Alles ist verkehrt, die gebauten Wände sind wohl nicht mehr verlässlich in einer von Daten aus aller Welt durchdrungenen Wirklichkeit.

Es sind nur zwei Beispiele. Und sogleich wird deutlich, dass jede Arbeit voller Überraschungen steckt. 30 Jahre lang hat der Fotograf Jörg Sasse Alltagsgegenstände aufgespürt, fotografiert und zu Stillleben stilisiert. Fotografien von Laurenz Berges führen Vergangenheit vor, rechnen ab. Leerstand in Duisburg, der letzte Blick auf einen letzten Zustand. Inszeniert vom Becher-Schüler mit Lebensspuren als Patina.

Fein gearbeitet sind die in den Raum gesetzten Paravents, die ein fragiles Spiel mit Behausung treiben; die Schweizerin Zilla Leutenegger setzt ein Video dazu, die "Ode an das Nichtstun". Hier möchte man bleiben. Weit weniger Aufenthaltsqualität hat der Flur von Franz Burkhardt, "3 Zimmer, Küche, Diele, Bad" heißt die Abrissszenerie, humorig und doppelwandig "gezimmert".

Wohnen setzt Susa Templins mit nicht greifbaren Räumen um, Claudia Wieser mit einer Kachel-Plastik, Erik Steinbrecher mit der Ruinenlandschaft oder Taryn Simons mit "Schattenseiten". Interieurs in jeder Ausprägung sind es. Garantiert nicht bei Ikea zu haben.

Quelle: RP
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