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Christof Seeger-Zurmühlen
"Das Theater wird zum Rummelplatz"

Düsseldorf. Der künftige Intendant Wilfried Schulz plant eine Bürgerbühne für Düsseldorf. Der Chef des Jungen Schauspiels wird das Projekt übernehmen. Das erste Casting ist bereits am Donnerstag. Ein Gespräch über eine partizipative Idee von Theater. Von Annette Bosetti

Intendant Günther Beelitz hat Christof Seeger-Zurmühlen zum Chef am Jungen Schauspielhaus gemacht und dabei ein gutes Händchen bewiesen. Die Stücke kommen an, die Besucherzahlen schnellten rekordverdächtig in die Höhe. Der künftige Intendant Wilfried Schulz sieht ihn in Düsseldorf für ein neues Projekt vor, das er neben Regieaufgaben vorantreiben soll. Darüber sprachen wir mit Seeger-Zurmühlen, der ein glänzender Schauspieler und feinfühliger Kommunikator ist.

Auf der Höhe Ihres Erfolges wechseln Sie die Stelle und kümmern sich künftig um die Bürgerbühne. Was hat man sich darunter vorzustellen?

Seeger-Zurmühlen Professionelles Theater mit nicht-professionellen Darstellern. Um Missverständnissen vorzubeugen: Das ist kein Laientheater. Sondern ein kompetentes Team entwickelt mit Menschen der Stadt Stücke, denen deren Biografien, Wünsche, Sehnsüchte und Geschichten zugrundeliegen. Diese Stücke stehen auf dem Spielplan.

Ist das nicht eine völlig andere Arbeitsweise für Sie?

Seeger-Zurmühlen Ja, denn mit jedem Stück gibt es eine neue Gruppenkonstellation aus Menschen, die sich meist vorher noch nie begegnet sind. Das ist auf der zwischenmenschlichen Ebene spannend und vielfältig. Gleichzeitig ist es eine organisatorische Herausforderung wegen längerer Probenstrecken.

Können Sie von Ihrer bisherigen Arbeit profitieren?

Seeger-Zurmühlen Ja, das denke ich. Partizipatives Theater findet ganz aktuell auch schon im Jungen Schauspielhaus statt.

Fällt es schwer, die Münsterstraße zu verlassen?

Seeger-Zurmühlen Für mich ist es kein Abschied. Die Bürgerbühnen-Produktionen werden alle Spielstätten durchziehen, auch die Münsterstraße. Ich werde dadurch eng mit dem alten Team zusammenarbeiten. Im Übrigen bin ich in erster Linie Regisseur. Ich werde definitiv in der Münsterstraße inszenieren.

Welche war in dieser Spielzeit Ihre wichtigste Erfahrung?

Seeger-Zurmühlen Dass ich mich auf meine Intuition verlassen kann und ich mich auf meine Stärken konzentrieren muss: Zuhören und zulassen, fruchtbaren Nährboden schaffen für künstlerische Prozesse.

Welches das schönste Erlebnis im Bühnenraum?

Seeger-Zurmühlen Ganz aktuell die Produktion ,Der Junge mit dem Koffer'. Ein Publikum, das bei der Premiere vor Ergriffenheit weint und Teil des Bildes ist. Unser Ensemble, das Team, der Spirit - es steckt eine Menge Leidenschaft in dieser Truppe. Das beflügelt mich sehr.

Meinen Sie, man müsste noch mehr Theater für Jugendliche anbieten?

Seeger-Zurmühlen Neben dem Jungen Schauspiel bieten das Tanzhaus oder das FFT hervorragende Produktionen an. Dennoch kämpfen diese Häuser um Anerkennung und Finanzierung. Kinder- und Jugendtheater ist in seiner Wertigkeit längst nicht da, wo es hingehört.

Die Münsterstraße liegt in einem Viertel mit nahezu 100-prozentigem Migrationsanteil. Wie haben Sie es geschafft, die Kinder einzubinden?

Seeger-Zurmühlen Wir sind eng vernetzt mit dem Familienzentrum und den Flüchtlingsheimen. Es gibt Angebote des Kulturzentrums der Generationen, das mit Kindern aus dem Stadtteil arbeitet, oder das geplante Garten-Eden-Projekt.

Was leistet Theater zur Integration?

Seeger-Zurmühlen Die Stadttheater werden in Zukunft wieder eine andere Rolle in der Gesellschaft einnehmen müssen. Sie sollten ein Ort für viele sein, nicht für Ausgewählte - aus allen Milieus, sozialen Schichten und Kulturen. Die Bürgerbühne treibt diese Funktion an.

Für Düsseldorf ist sie ein Novum und macht sehr neugierig ...

Seeger-Zurmühlen Ich freue mich auf die Energie und Frische, die mit unterschiedlichsten Begegnungen von Menschen und Gruppierungen zu tun hat. Und dass das Theater als Ort zu einem Rummelplatz, einem ,place to be' werden könnte. In England beispielsweise ist es total en vogue, in Museen mit seinen Freunden abzuhängen, nebenbei Kunst zu gucken und zu quatschen. Ein Schauspielhaus sollte ein selbstverständlicher Raum für Begegnung und Kommunikation sein.

Quelle: RP
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