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Düsseldorf
Der "Faust" lässt ihn nicht mehr los

Düsseldorf. Stefan Hunstein ist derzeit voll beschäftigt am Düsseldorfer Schauspielhaus. Neben Soloabenden wartet Goethe auf ihn. Von Regina Goldlücke

"Ein Leben ohne Theaterprobe kann ich mir gar nicht mehr vorstellen", sagt Stefan Hunstein. "Das geht von morgens bis spät in die Nacht." Selbst in seinen Träumen lässt ihn der "Faust" nicht mehr los, den er fürs Schauspielhaus erarbeitet. Am 19. Dezember hat die Inszenierung von Georg Schmiedleitner Premiere.

Als sei dieses Urgestein des deutschen Theaters nicht schon Herausforderung genug, bringt Stefan Hunstein vorher noch zwei Solo-Programme auf die Bühne des Kleinen Hauses: die Thomas-Bernhard-Lesung "Meine Preise" am kommenden Sonntag, eine Woche später dann sein eigenes Projekt "Die Wörter ruinieren das Denken". Für Thomas Bernhard und dessen skurrile Schöpfungen hat der gebürtige Kasseler eine große Vorliebe. In zwei seiner Stücke hat er schon gespielt. "Seine Figuren sind wahnsinnig komisch, sie bewegen sich ständig am Rande ihrer Nervenbelastung. Weil sie fürchten, sonst nicht verstanden zu werden, neigen sie zu Übertreibungen. Deshalb die häufig extremen Formulierungen."

Die Prosa-Sammlung "Meine Preise" wurde erst nach dem Tod des österreichischen Dichters veröffentlicht, man fand sie in seinem Nachlass. Einige Elemente daraus hatte Thomas Bernhard schon für andere Veröffentlichungen verwendet. In seiner Rückschau schildert er treffend und urkomisch seine Erlebnisse bei verschiedenen Verleihungen. "Ich hatte große Lust auf diese pikanten Texte", sagt Stefan Hunstein. "Da werden aberwitzige Situationen noch weiter auf die Spitze getrieben."

Der zweite Abend, den er gestaltet, rankt sich um Erfahrungen, die er auf der Bühne gesammelt hat. "Die Wörter ruinieren das Denken" ist eine Art Improvisation über Stücke, in denen er mitwirkte. "Als Schauspieler wird man immer gefragt, wie man die vielen Texte lernt", erklärt er. "Niemand fragt, wie wird man sie wieder los. Man meint, sie gehen nach einiger Zeit verloren. Aber das stimmt nicht. Körper, Seele und Geist des Theaterschauspielers funktionieren wie ein Speicher. Alle Texte und Erlebnisse der verschiedenen Rollen bleiben als Erfahrung eingeschrieben." Von außen nicht sichtbar, seien sie ein Teil des Gedächtnisses. Bei Hunsteins Programm tauchen Texte von Bernhard, Shakespeare, Schiller, Tschechow und Jelinek auf.

Die Schönheit und Reinheit der deutschen Sprache bedeuten dem Schauspieler mehr als bloßes Handwerkszeug. "Sprache bildet unsere Identität. Wir brauchen sie, damit wir wissen, was uns ausmacht und wo wir unsere Wurzeln haben. Was wäre unser kulturelles Erbe ohne Goethe, Schiller und Kleist?" Dabei musste er anfangs durchaus kämpfen mit den Versen, die er sich als "Faust" anzueignen hatte. Beim Lernen hält er es schon immer mit Nietzsches Maxime "trau keinem Gedanken, der im Sitzen kommt."

Stefan Hunstein geht ins Freie und spricht seine Texte mit lauter Stimme. "So stellt sich der Sinn deutlicher heraus", sagt er. "Es öffnet sich ein Resonanzraum, und man spürt, wie die Sprache selbst antwortet." Er macht sich viele Gedanken, wie das Publikum Goethes vertrauten Versen auf neue Weise zuhören könne. "Besonders den Anfang kennt doch fast jeder auswendig, zumal das Werk Schulstoff ist. Und jeder hat seine eigenen Bilder dabei, die er in Deckung bringen will." Seine Lösung: "Ich muss mich selbst darin entdecken. Den Faust versuche ich modern zu sprechen, ohne die Verse zu zertrümmern."

Das Rollenangebot von Günther Beelitz kam auf Stefan Hunstein zu, als er sich gerade nach 36 Jahren im festen Engagement (davon 26 Jahre in München) eine Pause verordnet hatte: "Zum Atemholen, damit ich auf das Theater neu draufschauen konnte. Und dann diese Versuchung: der Faust! Daran hatte ich nie zuvor gedacht. Jetzt aber hatte ich das Gefühl, da rundet sich etwas. An dieser Stelle konnte ich doch nicht sagen: nein danke, lieber nicht."

Quelle: RP
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