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Christian Ehring
Der Kabarettist beißt um sich

Christian Ehring: Der Kabarettist beißt um sich
FOTO: Komm�dchen Fotostudio Wieland-Du
Düsseldorf. Ehring macht sich in seinem neuen Programm Gedanken, wie Smoothie-Trinker, also Menschen wie er, auf Flüchtlinge reagieren. Von Dorothee Krings

Christian Ehring (43) gehört zu jenen Kabarettisten, die das Wort wichtiger nehmen als sich selbst. Darum ist er ein gefragter Autor und Moderator, gehört etwa zum Team der satirischen ZDF-heute-Show, steht mit dem Ensemble des Kom(m)ödchens auf der Bühne und tourt mit seinen Solo-Programmen. Trotzdem hat er kein "Fernsehgesicht", wird manchmal auf der Straße von fremden Menschen gegrüßt, doch wissen die gar nicht, woher sie ihn kennen. Ehring sieht eben aus wie einer dieser gutsituierten, ökobewussten, engagierten Familienväter - also genau wie die Leute aus seinen Programmen. Auch in seinem neuen "Keine weiteren Fragen", das am Samstag Premiere hat - am Kom(m)ödchen.

Kann man kurz vor Start des neuen Programms mit einem Kabarettisten noch ein ernsthaftes Gespräch führen?

Ehring Das geht bis 30 Minuten vor der Premiere.

Sie sind der ernsthafte Typ, der seine Komik auf der Bühne anknipst?

Ehring Ja, ich bin privat nicht witzig. Und auch nur mäßig schlagfertig. Vielmehr, ich bin schlagfertig, aber ich brauche dafür Zeit.

Und das Schreiben als Medium?

Ehring Genau. Manchmal fließt es dann so, dass ich fast in Echtzeit komisch bin, auch auf der Bühne kann ich spontan Pointen setzen. Aber ich war weder Klassenclown, noch bin ich derjenige, der auf einer Party alle unterhält.

Also: Komisch ist Arbeit?

Ehring Komisch ist Arbeit. Ich liebe Komik und glaube tatsächlich, sie ist die einzige Rettung, die wir Menschen haben. Ich kann mich über vieles kaputtlachen. Aber ich bin nicht der Mensch, der den ganzen Tag Entertainer spielt.

Wenn man sich anschaut, wo Sie überall mitarbeiten von der "heute-Show" bis zum Kom(m)ödchen-Ensemble, müssen Sie aber doch den ganzen Tag auf Sendung sein?

Ehring Ja, das stimmt. Ich bin aber auch besser, wenn ich im Fluss bin. Ich habe dieses Jahr eine lange Sommerpause gemacht, das war gar nicht gut. Wenn ich so lange raus bin, kommen gleich die Zweifel: Bin ich überhaupt lustig, fällt mir jemals wieder etwas ein? Andererseits darf man mit einem Programm nicht zu früh anfangen, denn es ist ja auch unerfreulich, wenn man dann von der Aktualität überholt wird und im Land völlig neue Stimmungen aufkommen.

Oder plötzlich Flüchtlinge nach Deutschland strömen.

Ehring Richtig. Im Juni hätte ich noch ein Programm gemacht, das hauptsächlich um den Euro und Griechenland gekreist wäre. Jetzt geht es tatsächlich um Flüchtlinge.

Heikles Thema?

Ehring Nein, ich finde es spannend. Ich hab mir für das Programm vorgenommen, möglichst ehrlich zu sein: Ich wollte all meine negativen Seiten, all die Ängste, das Besitzstandsdenken, die Trägheit, die ich in mir habe, auf die Bühne bringen. Das Thema ist: Wie geht eine saturierte, linksliberale Mittelschicht mit dieser Frage um? Man ist ja einerseits froh, dass es diese neue Willkommenskultur in Deutschland gibt, andererseits haben wir bislang noch nicht erfahren, wie es ist, wenn wir jetzt wirklich teilen müssen. Wenn jetzt wirklich die Welt zu uns kommt und sagt, wir wollen ein Stück vom Kuchen abhaben.

In der Bevölkerung löst das sehr unterschiedliche Reaktionen aus.

Ehring Wenn man Aktien im Depot oder eine Immobilie hat oder sonstwie abgesichert ist, ist es vergleichsweise einfach zu sagen: Ich bin ein guter Mensch, kaufe im Bioladen ein und schenke den Flüchtlingen die alten Stofftiere. In irgendeiner Ecke meines Gehirns verstehe ich auch die Leute, die sagen: Wir sind arm, wir müssen mit den Flüchtlingen konkurrieren - um bezahlbaren Wohnraum zum Beispiel. Ich will auf keinen Fall Pegida-Gedankengut rechtfertigen. Aber vielleicht machen es sich die Gutsituierten auch hier und da zu leicht. Vor allem aber finde ich es interessant, wie das aussieht, wenn unser Kosmos aus Bionade, Smoothies und Yoga auf eine Welt trifft, in der Menschen vor Krieg und Folter flüchten, nur knapp dem Tode entrinnen und die einzige Chance nutzen, die sie haben.

Aber das Wort Willkommenskultur ist schon ein Geschenk für einen Kabarettisten?

Ehring Das ist eines dieser Worte, die etwas Gutes meinen, aber schlimm klingen, so ein bisschen wie Ehehygiene. Ein Freund hat mir auch von einem Aushang erzählt, da wurde Yoga für Flüchtlinge angeboten. Das bringt alles auf den Punkt.

Die Deutschen meinen es manchmal zu gut?

Ehring Anscheinend brauchen wir Deutschen es, dass alle auf uns schauen und sagen, wie offen, locker, tolerant wir sind und wie toll wir das mit den Flüchtlingen hinkriegen. Und dann ist es auch schnell wieder vorbei mit der Euphorie. Ich glaube, wir begrüßen einfach gerne.

Aber ein Feind ist dem Kabarett abhandengekommen: Angela Merkel.

Ehring Ja, wenn man sie an allen Ecken und Enden kritisiert, muss man in Situationen wie dieser auch einfach mal sagen: Die Standhaftigkeit, die sie gerade beweist, nötigt mir Respekt ab.

Ärgerlich für einen Satiriker.

Ehring Auch skurril. Sie wird von den Grünen gelobt, eine Opposition hat sie inzwischen in ihrer eigenen Partei. Das ergibt dann doch wieder genug Stoff für die Satire.

Quelle: RP
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