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Düsseldorf
Der Organist als Informatiker

Düsseldorf. Morgen wird die neue Orgel in der Oberkasseler Antonius-Kirche geweiht. Ihr Clou ist eine raffinierte digitale Steuerungsanlage. Von Wolfram Goertz

Dieser Tage spazierten zwei heimische Orgelfreunde durch Oberkassel und wagten eine Prognose. "Könnte es sein", fragte der eine, "dass Düsseldorf in seinem Rang als Orgelstadt nur noch von einer Stadt in Europa übertroffen wird?" Der andere wiegte sein Haupt, flüsterte voller Irritation das Wort "Europa", als handele es sich um ein Fremdwort, und antwortete dann: "Denkst du an Paris?" Der eine: "Ja."

Oberkassel und Paris, das liegt nicht so weit auseinander, denn in St. Antonius an der Luegallee wird am morgigen Sonntag in einem feierlichen Hochamt um 11.30 Uhr die neue Mühleisen-Orgel eingeweiht. Das ist ein Instrument, das an die schönsten Pariser Instrumente erinnert. Es verwendet zwar viel Pfeifenmaterial der alten Orgel, aber 40 Prozent sind doch neu - und wer sich das Instrument aus der Nähe anschaut und aus der Ferne anhört, der darf angesichts aktueller klimatischer Sensationen sagen: "Noch ein Donnerwetter!"

Es ist die absolut einzigartige Mischung aus ehrwürdigem Klang, raffinierter Neuerung und moderner Technik, die einen in St. Antonius begeistert. Kantor Markus Hinz berichtet, dass man nicht unbedingt die achte französisch-romantische Orgel in Düsseldorf haben wollte: "Uns schwebte ein Instrument vor, das die Klangfarben eines großen Orchesters bietet." Auf vier Manualen mit 70 klingenden Registerreihen gibt es sogar ein Marimba- und ein Vibrafon, ein Carillon ("Westminster calling"), aparte Holzbläser als Zungenregister, etwa das Englischhorn oder die Klarinette. Die Blechbläser des Orchesters sind ebenfalls als Zungenregister in weiter Pracht vertreten: Neu ist im Pedal die Kontraposaune oder im Solo-Werk die Antonius-Tuba, die man vermutlich noch in Reisholz hören kann.

Der Clou: Die Ratinger Firma Sinua hat für Oberkassel ein digitales Steuerungssystem entwickelt, für das die Jugendsprache nur einen Begriff kennt: abgefahren. Hinz kann bei dieser sogenannten "vollständig computergesteuerten Einzeltonansteuerung" fast alle denkbaren Möglichkeiten ausschöpfen, mit denen man einen Klang bearbeiten kann: Er kann ein paar Töne als minimalistische Schleife, als sogenannten Loop, programmieren, die sich automatisch wiederholt und über die er improvisieren kann. Oder er kann eine Stimme zeitversetzt als Kanon ablaufen lassen, als ob er mit sich selbst in einem Echo spiele.

Wer den Schaltkasten erblickt, auf dem sich jedes beliebige Register - von Koppeltechniken alter Machart völlig unabhängig - auf jedes beliebige Manual schalten lässt, der weiß: Hier wird der Organist zum Informatiker. Hinz hat sich schon ganz gut eingefühlt, das merkt man, wenn er mit kundiger Hand über die Knöpfe saust. Ohne Zweifel darf ein Organist hier wieder Spielkind sein. Und die Königin der Instrumente wird zum Zauberkasten, die auch den Magier, der ihn bedient, glücklich macht.

Ein solches Instrument schreit danach, dass ein Organist sich austobt. Dass er alle Register zieht. Dass dort Konzerte veranstaltet werden. Gregor Bender von der "Pastoral- und Kirchenmusikstiftung St. Antonius und Benediktus" weist darauf hin, wie vielfältig die Aufgaben des neuen Instruments sein werden. Natürlich wird die Orgel künftig vornehmlich der Kirchenmusik dienen. Doch wird sie zudem zum Konzertinstrument, und da planen die Oberkasseler auch eine Zusammenarbeit mit Tonhalle und Rheinopern-Ballett.

Erste ermutigende Gespräche haben bereits stattgefunden. Jedenfalls wird es im September eine Darbietung von Vivaldis "Vier Jahreszeiten" in einer Version für Orgel und Orchester geben - mit den Düsseldorfer Symphonikern. Ohnedies ist die Gemeinde St. Antonius und Benediktus für ihren weiten Kirchenmusikbegriff bekannt; Peter Zimmer leitet dort exzellente Chöre (inklusive einer Schola für Gregorianischen Choral), und Markus Hinz veranstaltet auch Konzerte mit moderner Musik.

Fragt man nach dem Preis, so werden die Mienen undurchdringlich. Einige Spender haben offenbar Beträge beigesteuert, die man als himmlisch bezeichnen darf. "Sie haben aber auch für karitative und pastorale Zwecke der Gemeinde gespendet, das war uns wichtig", sagt Bender. Wie man hört, handele es sich um eine Gesamtsumme im unteren siebenstelligen Bereich. Jedenfalls ist Düsseldorf um eine famose Orgel reicher. Eine? Es werden drei sein in St. Antonius, denn neben der Emporen- und der bereits existierenden Chororgel kommt demnächst eine Mini-Fernorgel in Altarnähe hinzu, wodurch dem Hörer ein weiteres Merkmal modernen Klangmanagements geboten wird: der Surround-Effekt. Zauberhaft!

Quelle: RP
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