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Düsseldorf
Die Hexe mit dem bösen Blick

Düsseldorf. Nach einem Jahr Vorbereitung ist das Jugend-Mitmachprojekt "Lost in the Forest" auf der Bühne angekommen. Von Armin Kaumanns

Ein Jahr intensive Vorbereitung wird mit großem Applaus belohnt: Das Jugend-Mitmachprojekt "Lost in the Forest" der Deutschen Oper am Rhein ist vorgestern auf der Bühne angekommen. Die Premiere der Neuauflage von Humperdincks "Hänsel und Gretel" dauerte gut eine Stunde.

Wir haben immer mal wieder reingeschaut in die Entstehungsgeschichte dieses Großprojektes, das Anna Mareike Vohn, die Leiterin für "Junges Publikum" an der Deutschen Oper am Rhein, initiiert, durchgeführt und zu ihrem Kind gemacht hat: Eine Neufassung von Humperdincks Oper "Hänsel und Gretel" fast nur mit Kindern und Jugendlichen für Kinder und Jugendliche sollte "Lost in the Forest" werden. Für die große Opernbühne in Düsseldorf und Duisburg. Im U16-Orchester der Tonhalle konnten viele Streicher im Januar noch kein Vibrato, die Intonation in allen Instrumentengruppen war unterirdisch; auf der Bühne agierten Massen von Sechs- bis 16-Jährigen, die noch nie auf einer Bühne, geschweige so großen gestanden hatten - Mitglieder der Akademie für Chor und Musiktheater und des Kinderchors am Rhein. Sie sollten teils als Lebkuchenkinder durch einen Großstadtdschungel wuseln, in den Regisseur und Autor Philipp Westerbarkei die Knusperhexen-Geschichte verlegt hatte, teils als Mädchen-Gang die heimische Wohnzimmergarnitur ruinieren, wonach sie die gestresste Mutter rauswirft. Hänsel und Gretel sind jetzt fünf Jugendliche und statt Wald gibt's ein Schild "Eltern haften für ihre Kinder".

Nun, bei der Premiere klappte so ziemlich alles, was ein paar Tage zuvor noch bedenklich gewackelt hatte. Die schiefen Töne hielten sich erstaunlich in Grenzen, alle Sänger-Darsteller gaben ihr Bestes. Auch die drei Erwachsenen: Vater (Bruno Balmelli), Mutter (Julia Langeder) und die Hexe (Marta Márquez) fügten sich viel flüssiger in die Kindergeschichte ein. Die Rolle der Hexe ist sogar regelrecht der Knaller dieser etwas mehr als eine Stunde währenden musikalischen Märchenerzählung.

Und das sowohl live in schaurig-schönem Manga-Outfit, gruseligen Zaubersprüchen und phantastischen Gesangseinlagen als auch auf den Videos, die immer mal wieder die Szenerie überdecken, macht sie eine gar schaurige Figur. Wenn wir jetzt noch die vielen jungen Leute erwähnen, die in den Herbstferien Comics gezeichnet haben, die jetzt als Plakat im Programmheft "Lost in the Forest" nacherzählen, und diejenigen, die während der Endproben als Praktikanten der Bühnentechnik Einblick in den Kosmos hinter dem Vorhang nehmen konnten, wird klar, dass das alles viel mehr ist als eine Opernaufführung. Hier steckt der Enthusiasmus von mehr als 140 jungen Menschen drin.

Anna Mareike Vohn konnte die Premiere nicht wie geplant dirigieren, weil sie demnächst noch ein Kind, diesmal ihr eigenes, auf die Welt bringen wird und der Arbeitsschutz beim Krach im Orchestergraben Bedenken hatte. So dirigierte Ernst von Marschall, und der angestammte Leiter des U16-Orchesters machte seine Sache bestens. Die Bühnenhandlung allerdings erscheint ein wenig konfus. Da holt Westerbarkei sein Publikum zunächst unverhohlen ab, indem er wohlstandsverwahrloste Teenager auf stylischen, schwarz-weißen Möbeln eine Karaoke-Party feiern lässt. Später wird's im Hochhaus-Hinterhof hinterm Drahtverhau vor allem düster und dreckig. Wie sich aber erst hinterher herausstellt, soll die ganze Hexen-Knusperhaus-Lebkuchenkinder-Geschichte ein Traum sein, den der Sandmann und das zuckersüße Lied von den 14 Englein angerichtet haben. Ein bisschen viel Anspruch an kindliche Phantasie. Zwischendurch dreht sich ein antikes Karussell, die Hexe landet im leeren Einkaufswagen und schimpft noch weiter, als sie schon mit einem großen Netz gefangen sitzt. Am Ende des Traums tauchen Papa und Mama in der Großstadthölle auf und alle sind wieder happy. Rote Blütenblätter rieseln vom Bühnenhimmel und das Orchesternachspiel versinkt im tosenden Applaus.

Quelle: RP
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