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Düsseldorf
Die Königin vom Trödelmarkt

Düsseldorf. Die Sammlung Philara in Flingern zeigt ab Freitag die zweite Wechselausstellung mit Arbeiten von Hans-Peter Feldmann. In seiner Schau arrangiert der Künstler den kollektiven Bilderschatz neu. Von Annette Bosetti

Seebilder empfangen den Besucher in der Sammlung Philara. Fünfzehn verschiedene sind arrangiert auf einer knallroten Wand in Petersburger Hängung. Verschiedene Maler haben raue See, schäumende Gicht, Horizont auf Leinwand aufgebracht. Ein jedes ist konventionell gerahmt. Man könnte sie auch Seh-Bilder nennen, denn der Künstler Hans-Peter Feldmann, dessen Schau sie voranstehen, hat sie keineswegs selbst gemalt. Er hat diese Ölschinken, die man normalerweise über Großmutters Wohnzimmersofa antrifft, vielmehr gesammelt. Nun führt er sie vor.

Warum bilden sie sein Vorwort, seine Introduktion? Weil Feldmann, Jahrgang 1941, primär kein produzierender Künstler ist, sondern gerne den kollektiven Bilderschatz, der unser Sehen prägt und beeinflusst, launig arrangiert. "Sieh mal genau hin", raunt er dem Besucher zu, "und schau, welche Erinnerung dich umfängt?" Der Künstler ist interessiert an Reaktionen. Aber, so sagt er, "man muss nicht alles verstehen, Erfühlen reicht."

Der in Düsseldorf lebende Feldmann ist nicht damit alleine zur internationalen Kunstmarke geworden, er hat auch Originäres und Originelles produziert. "Seine Arbeiten entstehen aus dem Leben und dem Leben anderer." Das sagt Katharina Klang, Direktorin der Sammlung Philara, die erst im Juni ihre Türen in Flingern geöffnet hat. In einer aufwendig umgebauten Glasfabrik hat nun die Sammlung von Gil Bronner ein Zuhause erhalten; dazu werden Wechselausstellungen veranstaltet. Ein Café gibt es auch, das bald eröffnet werden soll, eine Bühne, auf der demnächst der Pianist Igor Levitt unter Freunden gastiert, und eine Skulpturenterrasse, die im Frühjahr 2017 eingeweiht wird.

Bis 15. Januar also gibt es Feldmann mit ausgewählten Arbeiten zu sehen, darunter zwei Werke aus Bronners Sammlung: "Miss Pound" und "Mister Dollar" heißt die hintersinnige Doppel-Collage, auf der er Geldscheine mit einem Foto collagiert. Eines zeigt die Queen in jungen Jahren mit Jackenkleid und Krönchen, eine Fünf-Pfund-Note flattert ihr wahrhaftig um den Kopf, was heute als Kommentar zum Brexit gelesen werden kann. Im selben Raum hängen vier quadratische Fotos von Brotscheiben, eckig und halb gerundet sind diese, Mehrkorn- und Schwarzbrot - wahrscheinlich labberig, irgendwie banal. Die Kuratorin spricht davorstehend von "Krankenhausästhetik".

An der Seite steht ein kleinerer neuer David, der erste aus Feldmanns Werkstatt mit dunkler Hautfarbe. Dessen überlebensgroßen bunt angemalten Vorgängermodelle wurden für den öffentlichen Raum gebaut. Dass Michelangelo, der Meister der italienischen Renaissance, seine Freude an den grobschlächtigen Kopien haben würde, darf bezweifelt werden.

Eine Liebeserklärung, wenn man das sagen darf, an das Leben ist die eindrucksvolle Fotoarbeit "100 Jahre". Sie wurde schon in der Welt gezeigt. 101 Porträts hat der Künstler selbst aufgenommen, Verwandte, Bekannte und Freunde zum Sitting gebeten, darunter seine Frau Uschi, damals 52. Mit der acht Wochen alten Felina beginnt der schwarz-weiße Fotoreigen, die 100-jährige Maria Victoria blickt am Ende zufrieden in die Kamera. Ein sattes Menschenbild für jedes Jahr, wobei ein Leben übermütig auf 100 veranschlagt ist.

Wer so etwas formuliert und gestaltet, der liebt das Leben. Feldmann würde das bejahen, und sagen, dass er auch die Frauen liebt, die er voyeuristisch beäugt. Auf einen Halter hat er dicht an dicht Postkarten gepinnt, wobei das Pinnen eine Privatangelegenheit ist. Nun macht er das Private öffentlich.

Ideenspeicher und Spielplatz dieses originellen Künstlers und Sammlers ist der Trödelmarkt. Auch da findet man nur Unikate, meist fehlt das Datum, manche sind Trouvaillen. Wie in Feldmanns Kunst.

Quelle: RP
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