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Düsseldorf
Die Kunst der Türken ist eine Illusion

Düsseldorf: Die Kunst der Türken ist eine Illusion
Kunstvereins-Chef Hans-Jürgen Hafner (im weißen Jackett) hinter dem "Maleratelier" von Bedri Baykam und vor dem "Staatsempfang" von Adnan Coker. FOTO: A. Endermann
Düsseldorf. Am Beispiel türkischer Kultur zeigt der Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen zurzeit, dass jegliche Nationalkunst eine Fiktion ist. Zugleich vermittelt die Ausstellung doch einiges über moderne Kunst in der Türkei. Von Bertram Müller

Der Museumsbesucher von heute ist bildungshungrig und zeitbewusst zugleich. Besonders gern streift er durch Ausstellungen wie "Die Kunst der Chinesen" oder "Die Kunst der USA", weil er sich davon erhofft, innerhalb von anderthalb Stunden alles über eine bestimmte Kultur zu erfahren. Mit dieser unerfüllbaren Erwartung spielt nun eine Schau, die zurzeit im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen zu sehen ist: "Die Kunst der Türken. Modernisierung als Fiktion".

Das ist einerseits eine Parodie auf Ausstellungen, die zu hohe Ansprüche an sich selbst stellen. Andererseits aber erzählt sie dann doch viel von der Kunst, auf die man innerhalb der Grenzen der Türkei stößt. Sie öffnet dem Besucher die Augen für kaum bekannte Zusammenhänge zwischen deutscher und türkischer Kultur und weist darauf hin, dass die Türkei mit dem Völkermord an den Armeniern nicht nur ihr eigenes Ansehen beschädigt hat, sondern auch ihre Zivilgesellschaft. Denn Armenier waren in der Türkei einst als Modernisierer tätig.

Manuel Graf und Kunstvereins-Chef Hans-Jürgen Hafner haben als Kuratoren Material zusammengetragen, um eine hypothetische türkische Staatskunst vorzuführen. In Kabinetten, die ineinander übergehen, formieren sich Bilder, die beim Betrachter vielleicht etwas zu viel voraussetzen, aber dadurch auch erst zur Herausforderung werden. Durch Bedri Baykams Gemälde "Maleratelier, eine Hommage an Courbet" blickt man auf Adnan Cokers Darstellung eines Staatsempfangs von 2007 - mit den Staatspräsidenten der Türkei, Afghanistans und Pakistans.

In einer anderen Ecke des Ausstellungsraums erinnern Werke der deutschen Architekten Hans Poelzig und Bruno Taut sowie des deutschen Künstlers Rudolf Belling daran, welche kulturellen Brücken einst Deutschland mit der Türkei verbanden: Zahlreiche Kulturschaffende waren vor dem "Dritten Reich" zu den Türken geflohen und bekleideten dort teilweise hohe Ämter. Zu sehen ist unter anderem ein Modell des Hauses, das Taut unter der Bosporus-Brücke erbaut hatte. Ein Kongresszentrum, das er für die Türkei entwarf, ist dagegen über die Grundsteinlegung nicht hinausgelangt.

Hafner weist darauf hin, dass man heute "immer zu den Bedingungen der Türkei" auf die Türkei und das Osmanische Reich blicke. Die Türkei benötige die Kultur für die Vorspiegelung einer türkischen Nation.

Wer durch die Schlaglichter, welche die Ausstellung auf die Geschichte wirft, neugierig geworden ist, dem bietet ein Begleitheft eine etwas systematischere Orientierung: zur Rolle Mustafa Kemal Atatürks bei der Modernisierung von oben, zur fotografischen Sammlung, über die einst Sultan Abdülhami II. verfügte, und über Halil Serif, einen der originellsten Kunstsammler des 19. Jahrhunderts. Am Ende zeigt sich, dass es zwar keine "Kunst der Türken" gibt, aber doch Künste auf dem heutigen Gebiet der Türkei, die einen Blick und viele Gedanken wert sind.

Quelle: RP
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