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Düsseldorf
Die Lehren des Herrn Puntila

Düsseldorf. Jan Gehler inszeniert Brechts Volksstück als lakonische Farce - bitter und unterhaltsam. Von Dorothee Krings

Ach, so bitterkalt hier: Der Wind schnarrt, pfeift, jammert. Eisig zieht es um die Ecken. So frostig ist es in diesem Finnland, dass die Menschen beim Trinkgelage übereinander liegen wie die Welpen und sich wärmen: hier ein Bein, dort ein Arm, besoffen sind ja alle gleich. Selbst Großgrundbesitzer Puntila - 90 Kühe, Wälder, Sägewerk - liegt mit Daunenjacke und Russenmütze beim gemeinen Volk, während Matti, sein Chauffeur, schon seit zwei Tagen draußen sitzt und wartet. Nun reicht es dem Knecht, der doch auch ein Mensch ist. Auf der steil abschüssigen Ebene, auf die Regisseur Jan Gehler seinen Brecht-Abend am Düsseldorfer Schauspielhaus gebaut hat, saust er seinem Herrn entgegen. Nur hinein ins bittere Vergnügen!

Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti", 1940 im finnischen Exil geschrieben, ist ein Volksstück mit klassenkämpferischem Überbau. Erzählt es doch im Gewand des bäuerlichen Schwanks die knallharte Geschichte eines Kapitalisten, der nur mit mehreren Flaschen Schnaps im Körper ein guter Mensch sein kann. Nur betrunken gelingt ihm ein richtiges Leben im falschen. Zumindest erträgt er mit ein paar Promille wenigstens sich selbst.

Doch gelegentlich überkommen Puntila auch Anfälle von Nüchternheit. Dann handelt er "berechenbar", lässt alle jovialen Gesten bleiben, übt die Macht, die sein Geld ihm gibt, ungeschminkt aus. Brechts Puntila hat also zwei Gesichter, doch im Kern ist er immer derselbe: ein Ausbeuter, eine Heuschrecke, ein Machtmensch.

Andreas Grothgar spielt diesen Puntila ganz im Sinne Brechts mehr gewieft als derb, selbst volltrunken ist er agil und Herr seiner Zunge, macht der Melkerin und noch ein paar unglücklichen Mädchen Heiratsanträge und verspricht seinem Knecht Matti die eigene Tochter zur Frau. Dieser Matti, eigensinnig selbstbewusst gespielt von Konstantin Lindhorst, ist der einzige, der seinen Herrn durchschaut - und sich perfekt anpasst. Er bleibt immer auf der Hut, glaubt Puntilas Suff-Versprechen erst, wenn es auch einen "Kontrakt" gibt. Und weil der Großgrundbesitzer selbst nach ein paar Flaschen Hochprozentigem lieber keine bindenden Entscheidungen trifft, verlässt Matti sich nur auf sich selbst. Er ist die "Ich-Ag", die es auch ohne Eigenkapital zu etwas bringen kann, weil sie nicht hadert mit dem System, sondern sich flexibel, selbstausbeuterisch einfügt.

Dieses mehr lakonisch als diabolische Paar erlebt nun allerhand Geschichten, weil Puntila aufbricht, um Schnaps zu organisieren und seine Tochter erst mit einem langweiligen Diplomaten verheiraten will, den aber mit der Klarsicht des Betrunkenen dann doch lieber wie einen Hund vom Hof jagt.

Der junge Regisseur Jan Gehler inszeniert das alles auf der extrem schräg gestellten Bühne von Sabrina Rox, die an zwei Seiten von Wänden umgeben ist. Zwei Türen, ein Fenster, eine Nebelmaschine, viel mehr benötigt Gehler nicht, um wechselnde Spielorte und Atmosphären sinnfällig zu machen. Allein das ist ein Vergnügen.

Dazu gibt das puristische Setting den Schauspielern Raum und fordert sie heraus, sich ihre Figuren aus dem Nichts zu erspielen. Das gelingt dem spielfreudigen Ensemble in den vielen Nebenrollen auf immer wieder überraschende Art. Vor allem Cennet Rüya Voß als Puntilas Tochter Eva sowie Hanna Werth als Apothekenfräulein und Cathleen Baumann als Kuhmädchen gelingen intensive tragikomische Momente, die etwas Gültiges zur Schau stellen und doch berühren. Alexej Lochmann will zu sehr komische Nudel sein, so bleibt etwa das Gedemütigte seiner Figur des Attachés und gehörnten Bräutigams zu harmlos. Doch die Nebendarsteller rotten sich gut abgestimmt zu immer neuen schrägen Konstellationen zusammen. Das gibt der Inszenierung Schwung und Vitalität.

Hier wird nicht brav Brecht dekliniert, werden keine Verfremdungseffekte auf heutige Tauglichkeit getestet. Gehler inszeniert ein intelligentes Spiel mit Zeichen und Andeutungen. Da traut einer seinem Publikum, will nicht belehren, sondern spielen und plötzlich wirkt ein altes Volksstück aus dem düsteren Norden ziemlich modern.

Brecht hat sich natürlich nicht erledigt. Vor allem, wenn seine Stücke ohne pädagogischen Eifer und aufklärerisches Pathos inszeniert sind, legen sie den Blick auf Machtstrukturen frei, die weiter wirken. Und Unterdrückte hervorbringen, die wir heute Verlierer nennen. Als gäbe es ein Spiel, in dem man sich nur genügend anstrengen müsste, um zu gewinnen. Als hätten manche nicht von Anfang an verloren.

Den alten Gegensatz zwischen denen, die besitzen, und denen, die nie auf einen grünen Zweig kommen werden, hat Brecht in "Herr Puntila und sein Knecht Matti" in ein schelmisches Stück Bauerntheater eingeschrieben. Gehler hat es von allem Folkloristischen befreit, ohne den Witz zu zerstören. Und plötzlich spielt diese Farce in Zeiten, da es wieder um das Missverstehen zwischen Eliten und Abgehängten geht. Brecht lehrt, dass das weniger eine Frage des Lifestyles ist, als mancher Kommentator heute wahrhaben will.

Quelle: RP
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