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Düsseldorf
Die Mystik des leuchtenden Hauses

Düsseldorf: Die Mystik des leuchtenden Hauses
Yury Kharchenko vor einem Bild, das er nach einem Selbstporträt des Malers Felix Nussbaum schuf. FOTO: Bertram Müller
Düsseldorf. Der Russe Yury Kharchenko (30) siedelte als Sechsjähriger nach Deutschland über und begann mit 17 ein Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie. In seiner Kunst setzt er sich mit seiner jüdischen Herkunft auseinander. Geißendörfer dreht bald einen Film über ihn. Von Bertram Müller

Der 30-jährige Maler Yury Kharchenko zählt nicht zu den Künstlern, denen man jedes Wort aus dem Munde ziehen muss. Im Gegenteil, er spricht über sich und seine Arbeit in einer Weise, dass es schwierig ist, dazwischenzufahren und ihn daran zu hindern, seine Bilder vollständig in Worte zu zerlegen. Denn dann wären sie womöglich nur mehr Illustrationen einer Geisteshaltung.

Doch die Bedenken verfliegen, wenn man bemerkt, dass Kharchenko in Bildern wie in Worten viel zu sagen hat. Schließlich geht es um ein Leben im Schnittpunkt der Kulturen. Die "Todesfuge", Paul Celans Gedicht über den Holocaust, trifft dort auf die Malerei Chagalls und Mark Rothkos, die Schriften des Philosophen Jacques Derrida fließen in Kharchenkos eigenes Denken und Malen ein. Und über allem schwebt die Erinnerung an ein erschütterndes Erlebnis, das ihm die Augen für seine jüdische Identität öffnete. Unter Rufen wie "Jude, gib Geld, du hast Geld", so berichtet er, verprügelten ihn vor sieben Jahren Neonazis in der Düsseldorfer Altstadt.

Bis heute weiß Kharchenko nicht, woher sie Kenntnis davon hatten, dass er Jude ist. Für ihn war das der Anlass, in die Geschichte der Juden und seiner Familie einzutauchen und daraus Bilder zu schöpfen. Vom 4. November an wird er in einer Ausstellung der Düsseldorfer Galerie Clara Maria Sels ausstellen, Hans W. Geißendörfer wird in Düsseldorf und in Kharchenkos Oberhausener Atelier einen Film drehen.

Eigentlich entstammt Kharchenko keiner Familie dieses Namens. Die Vorfahren hießen Grünspan. Sein Großvater wählte den Namen Kharchenko, um nicht zum Ziel von Antisemitismus zu werden, und der Vater behielt den Nachnamen bei, weil es auch in der Sowjetunion der 70er Jahre versteckten Antisemitismus gab.

Von den Großeltern, die durch den Angriff Deutschlands auf die UdSSR sämtliche Angehörigen verloren hatten, sind Yury Kharchenko noch immer die Berichte von Bergen russischer Leichen im Gedächtnis. Für seine Eltern war es nicht leicht, vor diesem Hintergrund nach Deutschland überzusiedeln, doch in der Sowjetunion sahen sie für die Familie keine Zukunft.

In Dortmund ließen sie sich nieder. Als Yury 13 war, fuhr die Mutter mit ihm nach Düsseldorf und stellte ihn in der Kunstakademie vor. Schon in Moskau hatte er seit seinem sechsten Lebensjahr eine Kunstschule besucht. In Düsseldorf ging es wundersamerweise weiter: Die Professoren Markus Lüpertz und Siegfried Anzinger ermunterten den Jungen, ihnen von Zeit zu Zeit seine Arbeiten vorzustellen, und mit 17 war er regulärer Student der Akademie.

Schon vor dem Überfall in der Altstadt war ihm klargeworden, dass er als Jude vielen als etwas Besonderes galt. Er vertiefte sich in den Talmud und ins Hebräische, eignete sich nach seinem Umzug in Berlin weiteres Wissen über das Judentum an und begann eine Serie aus farbig gleißenden Häusern, die jeweils einen Stamm Israels repräsentieren und zugleich weitere Ebenen aufweisen. "Für mich", so sagt Kharchenko, "bedeuten Häuser Unsicherheiten in der Sicherheit und Sicherheiten in der Unsicherheit, und das alles in jener Schutzhülle Haus, die eigentlich keine ist."

Ist diese stark farbige, wilde, in der Komposition fast überdrehte, mystifizierende Malerei nun etwas typisch Jüdisches, oder sollte man eine solche Kategorisierung umgehend in den Abfalleimer für Klischees werfen? Kharchenkos Antwort überrascht: Er sieht sich tatsächlich in der Tradition einer Kunst von Menschen jüdischer Herkunft: Marc Chagall, Mark Rothko, Barnett Newman und Ronald B. Kitaj. Und er charakterisiert jüdische Kunst mit den Worten: malerisch, farbenfroh, magisch, spirituell, poetisch und sehr, sehr offen.

In diesem Sinne deutet Kharchenko auch seine Häuser. Sie seien Orte der Zuflucht, ja, aber zugleich "denkt man, man geht rein, wird aber auf sich selbst zurückgeworfen". Das sei wie in der Lyrik von Paul Celan. Fragmente aus dessen "Todesfuge" sind unter der Hand von Kharchenko zu einer Leinwand im Stile von Cy Twombly geworden.

Fensterblicke bilden eine weitere Reihe von Bildern, dazu Porträts wie das des im KZ ermordeten jüdischen Malers Felix Nussbaum oder dasjenige von Papst Pius V. nach El Greco. In Kharchenkos Atelier in Oberhausen lehnt an einer Wand neben anderen Porträts überraschend eines von Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels. Als einziges befindet es sich auf der Rückseite einer leeren Leinwand, zwischen den zum Betrachter gewandten, normalerweise unsichtbaren Holzleisten - eine feinsinnige Verdammnis.

Demnächst wird auch Hans W. Geißendörfer sich in diesem Atelier umsehen. Seit Jahren sammelt er Kunst von Kharchenko, er hat ihn gefördert und will nun einen Dokumentarfilm über ihn drehen - über einen Künstler, der sich immer wieder fragt: "Hat das Jüdische etwas mit der Kunst zu tun, oder kann das weg?" Für Kharchenko, so scheint es, kann das Judentum als Quelle seiner Kunst heute weniger weg als je zuvor.

Quelle: RP
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