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Düsseldorf
Die Poesie des Verfalls

Düsseldorf. Im Foyer von PricewaterhouseCoopers ist eine Ausstellung mit Skulpturen von Nachwuchskünstlern der Düsseldorfer Kunstakademie zu sehen. Der Förderpreis geht an Andrea Marcellier. Von Regine Müller

Die Begrüßung geht durch Mark und Bein: Im Windfang des Eingangs von PricewaterhouseCoopers ist Paul Hempts kinetisches Objekt "Fluidum" ein optisches und akustisches Ereignis. Denn die elegante E-Gitarre, die sich über eine fragile Zahnrad-Mechanik langsam bewegt, entlädt immer dann, wenn sie am Ende ihrer Strecke angekommen ist, eine mächtige Klangsalve. Ein dröhnender E-Gitarren-Akkord echot im Windfang und kriecht bis ins Foyer. Und dann geht es wieder von vorne los. Wer in diesem Jahr den Rundgang besucht hat, wird sich an Hempts Objekt erinnern, das im Flur der Akademie aufgebaut war und eines der markantesten Werke dieses Jahrgangs war.

Seit 2010 besucht eine vierköpfige Jury jedes Jahr den Rundgang der Kunstakademie und wählt besonders vielversprechende Arbeiten aus, die dann für einen Monat im Foyer von PwC ausgestellt werden. Den Künstlern steht es auch frei, mit neuen Arbeiten auf den nüchternen Raum zu reagieren.

Paul Hempts Objekt passte jedoch perfekt in den großzügigen Windfang und musste lediglich den neuen Gegebenheiten angepasst werden. Den PwC-Förderpreis hat aber nicht Hempts sinnliches Kunstwerk gewonnen, sondern eine Arbeit, die sich als Kontrapunkt zu Hempts Arbeit begreifen lässt: Andrea Marcellier hat gemeinsam mit Christoph Görke eine stille und im Wortsinn geerdete Installation auf der rechten Seite des Foyers aufgebaut, die eigens für den Raum und als pointierte Antwort auf die repräsentative Glätte der Konzernarchitektur entstanden ist.

Die in Paris geborene Künstlerin studiert seit zwei Jahren in Düsseldorf und ist kürzlich in die neue Klasse von Gregor Schneider gewechselt. Mit ihrem Ko-Künstler Christoph Görke verbindet sie das gemeinsame Orientierungsstudium und endlose Gespräche über Kunst und Konzepte. Das kühle Konzernfoyer reizte das Team zu einem elementaren Gegenentwurf zur sauberen Funktionalität der Architektur: Das Künstler-Duo grub in Oberkassel in einem verwilderten Garten lehmige Erde aus und transportierte sie in das PwC-Foyer. Dort entstanden in zäher Hand- und Fuß-Arbeit von insgesamt sechs Leuten Erdplatten, die dann vorsichtig in eine Stahlkonstruktion eingefügt wurden, die mit ihrer Raster-Struktur Elemente der Architektur des Foyers aufnimmt. Die Erdplatten wurden gefertigt nach dem Vorbild archaischer Techniken der Lehmziegel-Herstellung, nämlich durch tagelanges Feststampfen der Erde auf einem Holzboden. Ob die Technik überhaupt funktionieren würde, war nicht klar: "Es war ein echtes Risiko", so Kuratorin Stefanie Lucci.

Das junge Künstlerduo aber wirkt völlig entspannt, denn beiden geht es mehr ums Konzept und den Prozess, als um ein fertig aussehendes Ergebnis. Im Gegenteil: Die dem Material geschuldete ständige Veränderung des Objekts ist der eigentliche Inhalt der Arbeit. Und der langsame Verfall und die schwarze Poesie dieses Prozesses. Vor der Installation liegen zerbrochene, zu Staub zerfallene Platten. Die sind keineswegs arrangiert, sondern seit dem Aufbau der Installation vor einer Woche bereits herausgebrochen.

Quelle: RP
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