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Düsseldorf
Die Primadonna der Blockflöte

Düsseldorf: Die Primadonna der Blockflöte
Dorothee Oberlinger, Flötistin und Professorin für Blockflöte am Mozarteum in Salzburg. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Dorothee Oberlinger bot beim Düsseldorf-Festival eine Klangreise von Venedig über Konstantinopel nach Taklamakan und China. In der Johanneskirche führte sie vor, welche Kräfte in dem unscheinbaren Holzblasinstrument stecken. Von Regine Müller

War es das böse Wort "Uraufführung" in der Ankündigung, das die sonst so treuen Konzertgänger der Johanneskirche diesmal zögern ließ? Jedenfalls waren die Reihen bei "Taklamakan" innerhalb des Düsseldorf-Festivals nicht so dicht gefüllt, wie es das wunderbare Konzert verdient hätte. Zumal das Wort "Uraufführung" ziemlich irreführend ist. Denn es gab vorwiegend alte, ja sogar uralte Musik zu hören bei diesem Ereignis, das im Untertitel blumig "Paradiese aus Luft - Eine Klangreise von Venedig über Konstantinopel nach Taklamakan und China" versprach.

Freilich ist auch die solistische Blockflöte, die mit Dorothee Oberlinger nicht prominenter hätte besetzt sein können, noch immer ein Instrument, dessen Glamourfaktor, nun ja, begrenzt ist. Denn die erschwingliche Blockflöte hat heute vor allem der musikalischen Früherziehung zu dienen. Das führt leider meist dazu, dass die fiependen Versuche entnervt abgebrochen werden, bevor es zu brauchbarer Klangerzeugung kommt und das handliche Instrument unauffällig wieder verschwindet.

Das ist ein Jammer, denn welcher klangliche Reichtum, welche Virtuosität und mitreißende Musikantenlust tatsächlich in dem agilen Holzblasinstrument mit der langen Geschichte stecken, war nun in der Johanneskirche in wahrlich exemplarischer Weise zu erleben. Dorothee Oberlinger, die zu Recht als "Königin der Blockflöte" apostrophiert wird, wechselte im Laufe des langen Abends behände zwischen Flöten jeder Größe: vom zierlichen Sopranino, über dessen winzige Löcher ihre Finger in der Hochfrequenz von Kolibri-Flügeln huschten, bis zur klotzigen Subbass-Blockflöte.

Bei deren Vorstellung betonte die Musikerin, das kantige Design des Monster-Instruments stamme nicht aus der Kreativ-Zentrale eines bekannten schwedischen Möbelhauskonzerns. Dafür ähneln seine Klänge dem dumpfen Wummern des urtümlichen Didgeridoos.

Die Blockflöten waren indes nicht die einzigen Exoten auf der Bühne im Altarraum der Johanneskirche, denn zur barocken Tripelharfe und zum Barockcello aus Oberlingers eigenem "Ensemble 1700" gesellten sich vier Musiker mit orientalischen Instrumenten aus Vladimir Ivanoffs "Ensemble Sarband". Nicht viel größer als eine Pampelmuse ist der Korpus der "Politiki Lira", zu Deutsch Schoßfiedel, die mit ihren drei Saiten einen süß näselnden Klang verbreitet. Auch die türkische Bambusflöte "Ney" produziert eher gedeckte Töne, während das Psalter-Instrument "Kanun" von Bauart und Klang an das Cymbal erinnert.

Die ambitionierte These des Konzerts lautet, dass Orient und Okzident in der Vergangenheit musikalisch viel enger miteinander verzahnt waren als gedacht. Über die alten Handelswege entlang der Seidenstraße gab es nämlich einen regen Austausch nicht nur der Musik, sondern auch der Instrumente. Zum Beweis treten beide Ensembles gemeinsam die Reise an, die im barocken Venedig beginnt, zwischendurch die Gegenwart mit Isan Yun und Popmusik von Boris Blank streift und bei einer traditionellen Melodie aus der chinesischen Provinz Jiangsu endet.

Um die enormen Sprünge zu erleichtern, streuen Oberlinger und Ivanoff kurze und launige Moderationen ein. Dennoch ist nicht immer klar, wo genau man sich nun in diesem Spiel mit Zeit und Raum, zwischen Alt und Neu, notierter Partitur und Improvisation befindet.

Aber das macht nichts, denn man hat schnell das Gefühl, dass in der Musik doch irgendwie alles mit allem zu tun hat, dass Vivaldis bestrickendes C-Dur-Konzert so orientalisch klingt, wie armenische Volksweisen barocke Motorik entwickeln. Mittelalterliches wie etwa "Bel Fiore Danza" klingt dagegen überraschend neu, und europäische Spielmannstänze entwickeln durch die mitteltönige Intonation der Instrumente eindeutig arabische Aromen.

Eine verwirrende, aber sehr sinnliche Gewissheit an diesem Abend, den Dorothee Oberlingers impulsive musikalische Intensität überstrahlt. In langsam melodiöse Passagen versenkt sie sich geradezu - und bricht kurz darauf in motorische Ekstase aus und jagt in aberwitzigen Tempi durch Triller und Läufe.

Großer Jubel für ein erhellendes Konzert.

Quelle: RP
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