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Düsseldorf
Die Selfie-Stars des Hetjens-Museums

Düsseldorf. Gegenwartsnah: Die Ausstellung "Zeitgenössische Keramik von Fontana bis Uecker" im Keramik-Museum. Von Bertram Müller

Seit zwei Monaten kommt das Hetjens-Museum ohne Leitung aus. Viel deutet darauf hin, dass das so bleibt. Seit sich Sally Schöne, die bisherige Direktorin, sang- und klanglos nach Hannover verabschiedet hat, um einer Abteilung des Kestner-Museums vorzustehen, führt ihre Stellvertreterin Daniela Antonin die Geschäfte. Seit je sprüht sie vor Temperament und Ideen, doch der Sprung auf den Direktorensitz wird ihr aller Wahrscheinlichkeit nach verwehrt bleiben. Denn Plänen des Kulturdezernats zufolge soll es im Hetjens-Museum keinen Direktor mehr geben, nur noch einen Abteilungsleiter des künftig aufsichtsführenden Museums Kunstpalast. Im Frühjahr 2016, so hört man, will die Stadt Düsseldorf die ersten Schritte ihrer Museumsreform umsetzen. Die Zustimmung des Rates steht noch aus.

Was den öffentlichen Auftritt des Hetjens-Museums anlangt, so ist schon jetzt zu besichtigen, was Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD) vorhat: Wie sich das Kölner Wallraf-Richartz-Museum nur mehr "Wallraf" tituliert, kommt das Düsseldorfer Keramik-Museum auf seinen Einladungen nun als "Hetjens" daher. Wer den Untertitel "Deutsches Keramikmuseum" lesen will, muss schon eine Brille aufsetzen.

Alle Werbe-Optik nützt nichts, wenn ihr keine Taten folgen. Immerhin war es noch Sally Schöne, die die soeben eröffnete Ausstellung konzipiert hat: "Zeitgenössische Keramik von Fontana bis Uecker".

Die Schau umfasst Werke aus jüngerer und jüngster Zeit, wie man sie diesem Haus bislang kaum zutraute. Die freizügigen Büsten zweier junger Frauen, die Rücken an Rücken vor dem Hintergrund eines Putto aus dem 18. Jahrhundert posieren, haben bereits bei der "Nacht der Museen" im April dieses Jahres beweisen können, dass sie Düsseldorf-kompatibel sind. Die schicken Terrakotta-Schönheiten - eine mit knappem weißen Shirt, die andere oberhalb des Bauchnabels nur mit einem Tuch im Haar bekleidet - haben sich bereits als Kulisse für Selfies bewährt. Ihr Schöpfer ist der Berliner Rainer Kurka. Ihm ging es darum zu zeigen, wie die großen Bildhauer der Antike Idealmenschen des 21. Jahrhunderts modelliert hätten.

Das bedeutendste Stück der Ausstellung ist ein Teller, den der Leinwand-Zerschneider Lucio Fontana 1957 auf der Töpferscheibe gedreht hat: Sein Werk "Maschera" nimmt mit seinen Zerklüftungen die berühmten Schnitte der Folgezeit vorweg. Pfiffige Museumsdirektoren lassen ihre Gäste heutzutage durch die gesamte Schausammlung laufen, damit diese die Arbeiten einer Sonderausstellung wie Ostereier zusammensuchen. Auch im "Hetjens" muss man diesmal Treppen steigen, um alles mitzubekommen. Ins Untergeschoss lockt die Besucher ein aus Werken mehrerer Künstler bestehendes Ensemble, das in Weiß schimmert: durchscheinende Schalen, an die Natur angelehnte Formen, zauberhaft. An anderer Stelle präsentiert sich Günther Ueckers "Weißer Regen", eine Arbeit aus Biskuitporzellan, über die sich diagonal ein Relief aus modellierten Nägeln zieht. Vom Polen Maciej Kaspersky stammt eine Reihe keramischer Formen, die wie Schlangen wirken, wenn Menschen sie - wie auf Fotos zu sehen - um ihre Schulter legen.

Alle Werke der Schau sind einer Stiftung zu verdanken: Der Hildener Zahnarzt Günter Lontzen (1929-2007) hinterließ dem Hetjens-Museum nicht nur seine ansehnliche Keramik-Sammlung, sondern auch einen Batzen Geld zum Erwerb weiterer Werke. So kommt es, dass "Bittersweet", die junge Frau mit dem knappen Shirt, erst vor einem Jahr das Licht der Welt erblickte.

Quelle: RP
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