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Düsseldorf
DJ Ingwart zelebriert den Engtanz

Düsseldorf. Ingwart Jung ist eine Institution: Seit mehr als zehn Jahren legt er im Zakk bei den "50+ Partys" vor bis zu 500 Gästen auf. Was viele nicht wissen: Im Hauptberuf arbeitet der 60-Jährige als Trauerredner. Ein Hausbesuch. Von Philipp Holstein

An der Klingel steht der Name Jung, und da ist man kurz irritiert, denn den Mann, den man in dieser Siedlung in Ratingen besuchen möchte, nennen alle bloß DJ Ingwart. Zum Glück öffnet er von sich aus die Tür, er hat schon gewartet: schwarzer Kapuzenpulli, randlose Brille, sanfte Stimme. Ingwart Jung reicht die Hand und sagt: "Wir sind ja im Musikbusiness, deshalb duze ich dich mal."

Ingwart ist in Düsseldorf eine Institution. Seit mehr als zehn Jahren legt der 60-Jährige jeden zweiten Freitag im Monat bei der "50+ Party" im Zakk auf. Er ist der Zeremonienmeister mit zwei CD-Playern, und er bleibt nicht stumm, sondern sieht sich auch als Moderator. Seine Zwischenansagen sind legendär. "Könnt ihr euch noch daran erinnern, als ihr das erste Mal bei einem Mädchen zuhause wart und ihre Plattensammlung durchgesehen habt?", fragt er. "Sowas fand man da", sagt er nach einer Denkpause - und spielt Neil Diamond. Manchmal schmeichelt er in sein Mikro, "das ist für alle Verliebten", raunt er dann, und dazu erklingen die ersten Takte von Adeles "Hello". Ingwart nennt das "Engtanz zelebrieren".

Zu den Discoabenden kommen bis zu 500 Menschen im Alter von 45 bis 70. "Leute, die vielleicht in Rente sind, aber deren Leben nicht vorbei ist", sagt Ingwart. "Sie wollen was erleben, dabei aber nicht ihren Kindern begegnen." Die Musik ist fünf bis zehn Dezibel leiser als in Clubs, es ist nicht so dunkel, und es gibt keine Nebelmaschine und kein Stroboskop. Und bestuhlt ist die Halle auch - "wegen der Kommunikation". Beginn ist Punkt 20 Uhr, und zur Begrüßung legt Ingwart immer denselben Song auf: "Drums A Go-Go" von Sandy Nelson.

Wir sind inzwischen in Ingwarts Arbeitszimmer im ersten Stock gegangen. Wir sitzen einander gegenüber an einem langen Tisch, auf dem das neue Buch von Sahra Wagenknecht liegt. Ingwart beginnt seine Antworten gern mit Zitaten von Goethe, Fontane oder Nietzsche: "Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum." Er spielt am PC, auf dem er eine DJ-Software installiert hat, Lieblingslieder an. Seit er 15 ist, legt er auf; bei Klassenfesten am Gymnasium ging es los. Er ist Rock-Fan. Lieblingsbands: The Who, Led Zeppelin und Deep Purple. An sein erstes Konzert erinnert er sich auch noch: "The Rattles in Kreuztal im Siegerland." Dort wuchs er auf, erst mit 18 kam er ins Rheinland.

Es gibt auffallend viele Eulen-Abbildungen im Raum. Ingwart wohnt hier mit seiner Lebensgefährtin. Er hat eine Tochter und zwei Enkel, und früher arbeitete er als kaufmännischer Angestellter bei Esprit. Vor 25 Jahren habe er eine Tante verloren, erzählt er. "Sie hatte jahrelang ihre Mutter gepflegt, ihr Leben für die Frau gegeben. Aber der Pastor erwähnte das in seiner Ansprache mit keinem Wort." Das hat ihn so geärgert, dass er sich von einer Theologin zum Trauerredner ausbilden ließ. Er kündigte seinen Job und bestreitet seinen Lebensunterhalt seither mit Reden vor offenen Gräbern. Bestatter buchen ihn, es läuft. Die Eule ist sein indianisches Sternzeichen, sie wurde zu seinem Wappentier, deshalb sammelt er Abbildungen und Darstellungen. "Im 90. Psalm heißt es: ,Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden'", sagt er. "Die Eule steht für diese Klugheit."

Ist das nicht verrückt: ein DJ, der Trauerreden hält? Ingwart legt die Hände übereinander. "Das passt sehr gut zusammen", entgegnet er. "Ich schaue, was Menschen bewegt. Ich fasse es in Worte und drücke es mit Musik aus." Inzwischen wollen ihn viele Partygäste als Sprecher für Beerdigungen in ihren Familien. Auf Wunsch legt Ingwart dann auch Musik auf. Am liebsten hören Trauernde demnach "Time To Say Goodbye", "An Tagen wie diesen", "Der Weg" von Grönemeyer und "Nothing Else Matters" von Metallica.

Schlager legt Ingwart indes nicht auf, nie, aus Prinzip, auch nicht bei Partys. "Ich komme aus der 68er-Generation, vom Flower Power. Und als sich mal jemand einen Titel von Wolfgang Petry gewünscht hat, habe ich gesagt, dass man das nicht hören wird, solange ich hier stehe. Da gab es Applaus." Sein Publikum möchte nicht das Gefühl haben, zu einem Tanztee zu gehen. Es wolle am liebsten Rock hören, sagt Ingwart, "gerne Soul und ein bisschen was Aktuelles, das sie aus dem Radio oder von ihren Kindern kennen".

Die "50+ Party" im Zakk ist die langlebigste Reihe dieser Art in Deutschland, sagt Ingwart. Und er weiß auch, warum. "Bei vielen Retro-Veranstaltungen kommt irgendwann Langeweile auf, weil stets dieselben Stücke gespielt werden." Er beugt der Gefahr per Excel-Tabelle vor. Minutiös hält er fest, welche Lieder er wie oft gespielt hat. Außerdem gibt es an jedem Abend ein anderes 30-minütiges Special zu einem Thema seiner Wahl: französische Popmusik etwa, Instrumentalmusik oder Neil Young.

Zum Schluss würde man gerne noch wissen, wie Ingwart die perfekte Party definiert. Er nickt. Dann sagt er sehr ernst: "Wenn die Leute mit dem Gefühl nach Hause gehen, dass das ein schöner Abend war."

Quelle: RP
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