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Düsseldorf
Drohnen, Chats und Videospiele

Düsseldorf. "Number 13", die neue Ausstellung bei Julia Stoschek, führt die Kunst und die Welt im globalisierten und post-digitalen Zeitalter vor. Von Annette Bosetti

Ausstellung Nummer 13 in neun Jahren in Düsseldorf, dazu die Erstpräsentation der Sammlung in Berlin ("Welt am Draht") mit einem anerkennenden internationalen Echo. Julia Stoschek kann sehr zufrieden sein. Für ihre aktuelle Ausstellung hat sie den Eyecatcher der Biennale von Venedig nach Düsseldorf geholt. Im Deutschen Pavillon war 2015 "Factory of The Sun" das wegweisende Werk, wenn nicht das Herzstück innerhalb der für Deutschland auftretenden Künstler-Gruppe. Eine komplexe Science-Fiction-Story mit süchtig machenden Bildern und Sounds.

Stoschek hatte die Arbeit der Deutsch-Japanerin Hito Steyerl schon auf der Biennale unterstützt, schließlich hat sie sie erworben und wollte sie erstmals in Berlin zeigen. Doch die Künstlerin zog Düsseldorf der Hauptstadt vor. Nun ist man als Freund der ganz aktuellen Kunst, der sogenannten zeitbasierten Medien, gut beraten, in die Schanzenstraße in Oberkassel zu ziehen. Dort lässt man sich in dem blau-schwarz karierten Raum (Gas strömt durch die LED-Linien des Holodecks) in einem Sessel nieder. Man bricht auf zu einer Exkursion in eine virtuelle, gleichzeitig doch nah kommende Realität, die man so wahrscheinlich noch nicht kennengelernt hat.

Es fällt nicht leicht, Worte zu finden, die dazu taugen, das Erlebnis und die Dimensionen in der "Factory of The Sun" zu beschreiben. Neuartige Frequenzen, asynchrone Beats, kühne Designs gibt es da. Drohnen fliegen durchs Bild, ein Nachrichtensprecher scheint noch der alten Welt zu entspringen. Einer Welt, die in Aufruhr ist, die zwischen dokumentarischem Bemühen und verrückter Virtualität oszilliert. Alles klingt und dröhnt im Produktionstakt einer globalisierten Weltgesellschaft. Tanzende Menschen kämpfen mit Avataren, einer von denen geistert durchs Netz und erzählt seine Geschichte.

Ein futuristisches Videospiel hat die Künstlerin geschaffen, bekannte Bilderwelten in Aufruhr versetzt. Das hat mit Malerei und Bildhauerei nichts mehr zu tun. Niemals käme Steyerl auf die Idee, einen Stein zu behauen. Das hat sie einmal gesagt. Eine Zeit lang war die 50-Jährige Assistentin bei Wim Wenders. Wie er bezeichnet sie sich als Filmemacherin und als Autorin. Andere nennen sie anerkennend eine Kriegerin und Jägerin, die unerbittlich die Frage nach der Wahrheit und Wahrhaftigkeit von Bildern stellt.

Steyerl hat auch die Kuratorin benannt, die den zweiten Teil bei Stoschek bespielt, Jennifer Chan, eine in Kanada lebende Künstlerin, die mit ihrer Auswahl Bezug nimmt auf die Drastik von Hito Steyerl. Post-digital nennt sie die Generation der jungen Künstler, die ihre Sujets der Gegenwart untersuchen und in bewegte Bilder fassen. Das kann Technologie oder Beschleunigung sein, Narzissmus im Netz, Identitätsverschiebung oder Frustration über Chats, die im Datenstau hängen, weil es beispielsweise im Iran kein einwandfrei laufendes Netz gibt.

Die meisten Themen sind politisch. Im Netz entwickelt sich der philosophische Diskurs oft sekundenschnell, und neue Gedanken schlängeln sich eilig nur so fort. Die Kuratorin hat Künstler versammelt, denen sie seit Jahren online folgt und die sich in Debatten über die Darstellung von ethnischen Gruppen, Gender und sozialer Schicht einmischen. Das tun sie in fantastischen Formaten - Stile und Mittel haben sich verändert, die neue Generation gibt ihre Visitenkarte ab. Jennifer Chan sagt: "Ich interessiere mich für den schwarzen Zorn, die gelbe Gefahr, die weiße Fragilität . . . und für mögliche Zukunft." Das hat man im Kopf beim Dechiffrieren der oft verschlüsselten Videoarbeiten. Leicht hingegen gerät der Eintritt zur Show. Man geht über einen rasierten Teppich. "Only God can judge me" steht darauf. Schwer zu sagen, was das Textil bedeutet. Aber mit einem Satz ist man drüber.

Quelle: RP
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