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Egon Schawe
"Düsseldorf sollte mehr auf den Tanz setzen"

Düsseldorf. Der Freundeskreis des Balletts am Rhein zeigt Verständnis für die Klage des Ballettchefs Martin Schläpfer über mangelnde Unterstützung. Von Dorothee Krings

Über mangelnde Wertschätzung seiner Arbeit hat sich der Chefchoreograf des Ballett am Rhein, Martin Schläpfer, vor kurzem beklagt. Die Stadt verpasse die Chance, die überregionale Beachtung des Balletts zu nutzen, um sich als Tanzstadt zu positionieren. Schläpfer forderte auch mehr Geld für seine Arbeit, um etwa andere Compagnien einladen und auf Gastspielreise gehen zu können. Beim Freundeskreis des Balletts am Rhein haben die Äußerungen des Ballettchefs für Nachfragen gesorgt. Ein Gespräch mit dem Vorsitzenden des Freundeskreises, Egon Schawe.

Haben Sie Martin Schläpfers Klagen überrascht?

Schawe Der Ballettchef hat vermutlich Dinge ausgesprochen, die schon länger in ihm gearbeitet haben. Ich kann etwa seine Kritik an der Arbeit des Stadtmarketings durchaus nachvollziehen. Die Compagnie wird über die Stadtgrenzen hinaus überaus positiv wahrgenommen, die internationale Presse ist begeistert, die Stadt könnte diese Erfolge also nutzen, um das Ballett am Rhein zu einer Marke zu machen, die für die Kulturstadt Düsseldorf steht. Stattdessen wird viel Geld in den Grand Départ der Tour de France investiert, dabei sehe ich nicht, wie sich Düsseldorf als Stadt des Radsports etablieren könnte. Eine Tanzstadt ist sie schon. Das muss man nur bekannter machen, dann wäre es für Schläpfer einfacher, Sponsoren zu finden.

Die Stadt ringt gerade um den Erhalt des Schauspielhauses, da erscheinen Forderungen nach mehr Geld für das Ballett schwierig.

Schawe Ich spreche nicht für Herrn Schläpfer, sondern für einen Freundeskreis, der den Tanz in der Stadt fördern will, unabhängig davon, wer gerade Chef der Compagnie ist. Aber man muss schon sehen, dass sich ein Mann wie Schläpfer, der seit Jahren auf höchstem Niveau arbeitet, weiterentwickeln will und muss. Dafür reicht das jetzige Budget nicht. Den Freundeskreis erreicht dann zum Beispiel die Bitte, einen transportablen Schwingboden zu finanzieren, damit die Truppe auf Gastspiel gehen kann. Martin Schläpfer hat darauf hingewiesen, dass er größere Spielräume braucht, um seine Arbeit weiter zu entfalten, er hat keine Forderungen an die Stadt gestellt. Das könnte ja auch Sache der Bürger sein. Der Freundeskreis bemüht sich etwa, bei mittelständischen Unternehmen Unterstützung zu finden. Aber das fällt schwer, wenn nicht mal das Stadtmarketing auf die Marke Ballett am Rhein setzt.

Immerhin hat die Stadt ein neues Trainingszentrum gebaut.

Schawe Das stimmt. Da geistern aber falsche Zahlen durch den öffentlichen Raum. Es ist immer die Rede davon, das Haus habe 30 Millionen Euro gekostet. Der Neubau ist aber in Zusammenarbeit mit einem privaten Investor entstanden. Die Stadt wird diese Summe als Miete in den kommenden 30 Jahren aufbringen müssen, die 30 Millionen beziehen sich also auf einen sehr langen Zeitraum.

Im Zuge der Diskussion wurden auch Stimmen laut, die in Düsseldorf wieder Handlungsballette wie "Dornröschen" oder "Schwanensee" sehen wollen. Gibt es diese Debatte auch innerhalb des Freundeskreises?

Schawe Diese Diskussion hat es immer gegeben, denn darin geht es eigentlich um den vermeintlichen Widerspruch von Popularität und Avantgarde. Schläpfers Programme sind aber der beste Beweis, dass es diesen Widerspruch nicht geben muss. Er verbindet ja gerade klassische Tanztradition und Gegenwart, zeigt seine eigenen Arbeiten immer im Kontext großer Vorgänger wie Balanchine oder Hans van Manen. Auch Menschen, die noch keinen Bezug zum Ballett haben, können etwa in seinem aktuellen Programm "b.29" eine unterhaltsame, humorvolle Arbeit wie "The Concert" von Jerome Robbins erleben und eine Arbeit von Schläpfer, der die Tanzsprache weiterentwickelt.

Die "Schwanensee"-Verfechter dürfte das nicht beruhigen.

Schawe Als man sich 2009 für Martin Schläpfer entschieden hat, war das eine Entscheidung gegen das klassische Handlungsballett. Das war allen klar. Der Tanz muss sich auch wie jede Kunstform weiterentwickeln und nach Ausdrucksmöglichkeiten suchen, die der Gegenwart entsprechen. Das heißt ja nicht, dass Schläpfer nicht auch einmal ein Handlungsballett zeigen wird. Aber auch dafür würde er Spielraum und damit finanzielle Unterstützung benötigen.

Hat Sie Schläpfers Aussage, er fühle sich menschlich in Düsseldorf nicht wohl, getroffen?

Schawe Nein. Er hat auch gesagt, dass er sich in Mainz nie wohl gefühlt hat, und das ist auch eine tolle Stadt. Martin Schläpfer ist ein Künstler, wahrscheinlich braucht er diese Reibung, um schaffen zu können. Und er ist Schweizer, da liegen seine Wurzeln. Er kann in Düsseldorf noch viel bewirken, wenn die Stadt begreift, was sie an ihm hat.

Quelle: RP
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