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Andy Mc Cluskey
"Düsseldorf war mein Mekka"

Andy Mc Cluskey: "Düsseldorf war mein Mekka"
Andy McCluskey bei einem Konzert in Berlin. Im Dezember tritt er mit seiner Band in Düsseldorf auf. FOTO: dpa
Düsseldorf. Der Sänger der britischen Band OMD ist von Düsseldorfer Musikern geprägt. Die waren ihm sogar wichtiger als die Beatles, erzählt er.

Schwer vorstellbar, dass der Sänger von Orchestral Manoeuvres In The-Dark (OMD), Andy McCluskey, auch mal schlechte Laune hat. Während des Interviews in einem Münchner Hotel lacht der 58-Jährige jedenfalls sehr häufig. Die Worte sprudeln geradezu aus dem Briten heraus - egal, ob er über das neue OMD-Album "The Punishment of Luxury" spricht, das morgen erscheint, oder von der Düsseldorfer Band Kraftwerk schwärmt.

Was haben Sie empfunden, als Sie zum ersten Mal in Düsseldorf waren?

McCluskey Ich hatte das Gefühl, mein ganz persönliches Mekka zu betreten. Obwohl ich in der Nähe von Liverpool aufgewachsen bin, waren nicht die Beatles meine Helden, sondern Kraftwerk und Neu!. Als wir 1982 in der Zeche in Bochum aufgetreten sind, kamen die Kraftwerk-Mitglieder zu unserem Konzert. So aufgeregt wie bei diesem Gig war ich auf der Bühne nie wieder.

Was schätzen Sie an Kraftwerk?

McCluskey Selbstverständlich mag ich ihre Musik. Noch mehr fasziniert mich diese Band jedoch intellektuell. Sie bringt mich zum Nachdenken - vor allem über die Zukunft. Ich weiß noch genau, wann ich Kraftwerk erstmals live gesehen habe: 1975 im Liverpooler Empire. Ich saß auf Platz Q 36 und erlebte etwas, das mein Leben nachhaltig verändert hat. Trotzdem ist nicht alles, was OMD machen, eine Hommage an Kraftwerk. Neu! haben uns genauso geprägt. Wir lieben ihre Energie, ihre Wut, ihre Emotionen. Ich denke, der OMD-Sound ist eine Mischung aus Kraftwerk und Neu!.

Das klingt, als würden Sie nur Altes recyceln.

McCluskey Natürlich nicht! Unser Ziel ist es, mit jedem Album etwas Neues auszuprobieren. Auf "The Punishment of Luxury" haben wir kleine Störgeräusche in die Musik eingebaut - ohne ihre Eingängigkeit aufs Spiel zu setzen. Wir experimentierten im Studio viel, allerdings nicht immer mit Erfolg. Oft mussten wir Ideen verwerfen, weil sie einfach nicht funktioniert haben.

Das Lied "Robot Man" scheint aber hauptsächlich von Kraftwerk inspiriert zu sein, oder?

McCluskey Musikalisch durchaus. Inhaltlich strebt die Nummer in eine entgegengesetzte Richtung. Es geht darum, dass sich Menschen nicht wie Roboter benehmen sollten. Um ihren Ängsten zu trotzen, haben sie Mauern um sich herum errichtet. Sie stecken in ihrer Rüstung fest, die sie vor Anfeindungen von außen schützen soll. Dummerweise bleibt bei dieser Strategie ihr wahres Ich irgendwann auf der Strecke. Das müssen sie wiederentdecken und sich von ihren Schutzmechanismen lösen. Nach dem Motto: Ich bin zwar nicht perfekt, doch ich bin gut, so wie ich bin.

Im Zeitalter der sozialen Medien erscheint das fast unmöglich. Bei Facebook oder Instagram versucht sich jeder möglichst perfekt darzustellen.

McCluskey Wir leben in einer Gesellschaft, in der sich die Werte radikal gewandelt haben. Früher trieben die Menschen völlig andere Fragen um: Wird mich ein Krieg töten? Werden meine Kinder immer genug zu essen haben? Heute fragen sich die Leute, ob sie das richtige Auto fahren. Ob sie das angesagteste Smartphone haben. Ob sie genug Likes bei Facebook bekommen. Sie verzweifeln daran, dass sie nie genug kriegen. Genau das ist die Strafe des Luxus, die bei der Namensgebung unserer CD Pate gestanden hat.

Tappen Sie selbst nicht auch manchmal in diese Konsumfalle?

McCluskey Theoretisch könnte ich First Class fliegen oder eine Yacht chartern. Obgleich ich das nötige Geld dafür hätte, verzichte ich darauf. Ich konzentriere mich lieber auf das Wesentliche. Zunächst einmal bin ich froh, dass ich am Leben bin. Und dass es den Menschen, die ich liebe, gut geht. Ich versuche, möglichst viel Zeit mit ihnen zu verbringen.

Können Sie mit dieser Philosophie bei Ihren Kindern punkten?

McCluskey Sagen wir es so: Ich schwimme tapfer gegen den Strom, was nicht leicht ist. Schließlich werden Jugendliche von cleveren Marketingstrategen einer richtigen Gehirnwäsche unterzogen. Das hat Konsequenzen. Es ist keine Seltenheit mehr, dass Kinder ihren Müttern vorwerfen: "Du hast mir nicht den neuen Gameboy gekauft. Also liebst du mich nicht."

Haben Sie für dieses Verhalten überhaupt kein Verständnis?

McCluskey Ehrlich gesagt war ich als Junge auch nicht immer zufrieden. Bei uns zu Hause war alles Second Hand, weil meine Eltern wenig Geld hatten. Meine Freunde wohnten teilweise in schöneren Häusern als ich. Sie besaßen Farbfernseher, wir hatten nur einen Schwarzweißfernseher. Dafür habe ich mich geschämt. Ich fühlte mich minderwertig. Damals war mir noch nicht bewusst, wie unwichtig Besitz ist.

Stimmt es, dass Sie als Kind Archäologe werden wollten?

McCluskey Ja. Bis ich mich für Kunst zu interessieren begann. Ich bekam einen Studienplatz für Bildhauerei. Vor dem Studium wollte ich eine einjährige Auszeit nehmen. Die nutzte ich, um mit Paul OMD zu gründen. Deshalb war ich nie an der Universität.

Haben Sie es jemals bereut, Musiker geworden zu sein?

McCluskey Nein. Als Berufsbezeichnung ziehe ich aber Songschreiber vor. Ich verstehe mich als Werkzeug unserer Lieder. Das ist bei einem Musiker anders. Er rückt gern seine Virtuosität in den Vordergrund, statt dem Song wirklich zu dienen.

DAGMAR LEISCHOW FÜHRTE DAS INTERVIEW.

Quelle: RP
 
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