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Düsseldorf
Echte Liebe und "billige Schnulzen" in der Kirche

Düsseldorf. RP-Redakteur Wolfram Goertz nahm 450 Gäste mit auf musikalische Liebesreise. Der Hör-Abend zeigte: "So schön kann Liebe sein." Von Jessica Balleer

Zu einem immer verteufelten, hoch komplizierten und doch so zauberhaften Thema hatte Wolfram Goertz eingeladen. Was die Liebe betrifft, hatte der Gastgeber Ende der 80er Jahre sein persönliches Erweckungserlebnis: In seinem VW-Käfer habe er damals gesessen, direkt vor dem Kölner Studentenwohnheim - und WDR 3 gehört. Plötzlich habe ihn diese Stimme erreicht und "tief von innen gewärmt". Und anstatt auszusteigen, ist Goertz einfach bei ihr geblieben, bei der Stimme dieser Bossa-Nova-Virtuosin namens Elis Regina.

Als genau jene Stimme gestern die Neanderkirche erfüllt, beginnt auch das Publikum erste Botschaften dieses Hör-Abends "So schön kann Liebe sein" zu verstehen. Nicht nur, dass Elis Reginas "Águas de Março" brasilianische Leichtigkeit ist, Lust auf Sommerkleid und Rotwein macht und eine Liebeserklärung an das Musikersein ist. Sondern auch, warum Goertz damals nicht aussteigen konnte, sondern einfach im VW-Käfer sitzen geblieben ist.

Zu einer "liebgewonnenen" Veranstaltung hatte Andreas Dahmen, Intendant des Düsseldorf Festivals, kurz zuvor begrüßt. Der RP-Redakteur und Musikwissenschaftler Wolfram Goertz (55) hatte Filmmusik und Duette von Wagner, Mozart oder Bach bis Robbie Williams auf der Setlist des Abends vereint - und ihn mit einer "billigen Schnulze" begonnen. "Sie" ist Kylie Minogue und "Er" ist Jason Donovan. Das Liebeslied heißt "Especially for you" und Wolfram Goertz hat es als Auftaktlied ausgewählt. Goertz präsentierte sich mit seinen Zwischenmoderationen bereits in Bestform, als die Hörlust erst langsam anstieg. Arie fünf ist Puccinis "La bohème", und erste Hände suchen die des Nachbarn. Um die mit 450 Gästen ausverkaufte Neanderkirche zurück in die beste Zeit des eigenen Liebeslebens zu versetzen, bedurfte es einer wohl bekannten, oscarprämierten Aufforderung: "Just remember!" Als "Time of my life" erklingt, wirken einige Damen im Mittelschiff, als erinnerten sie sich an den ersten Frühling, vielleicht mit dem damaligen Patrick Swayze von Mönchengladbach, Düsseldorf oder Köln.

Der Hör-Abend selbst hatte etwas Pubertäres. Als habe Goertz die Grenzen des Geschmacks austesten wollen. Man glaubte sich an der Peripherie angekommen, als Lionel Richie und Diana Ross schmetterten durften. "Endless Love" wurde genau das, was Goertz angekündigt hatte: der schlechteste Song des Abends - und trotzdem irgendwie unverzichtbar in dieser Riege bedeutender, weil prägender Liebeslieder. Wenn Goertz "billige Schnulzen" anmoderierte, wusste man nie so recht, wie ernst er das jetzt eigentlich meint. Bis zuletzt ließ er das offen - und überließ den Hörern selbst ein Urteil.

Und das wäre kein "Goertzscher Hör-Abend" gewesen, hätte er nicht mühelos den Schwenk zurück in die Verkopftheit geschafft: Auf Lionel Richie folgten Mozart und dann Bach. "Wenn zwei zu dritt alleine sind", philosophierte Goertz, ehe zwei Künstler und drei Stimmen zu hören waren, die zusammen einen Gedanken vermitteln wollen. Dass das ein oder andere Hörbeispiel in den Weiten der Kirche an Kraft verlor, ist der Besonderheit des Spielorts geschuldet. Die Neanderkirche fordert heraus, mit langen Nachhallzeiten und verwinkelter Bauform. Karl Knopf kennt das seit fünf Jahren und weiß, was zu tun ist, wenn Wolfram Goertz den Tontechniker auffordert: "Lass' laufen, Karl" oder "lass' brummen!"

Ein feinsinniges Publikum hatte sich eingefunden. Zumeist Frauen saßen im Mittelschiff und den beiden Seitenschiffen rechts und links, manche mit, aber die meisten ohne den Partner. Und viele von ihnen waren sicher nicht zum ersten Mal dabei. Wenn Goertz eine Arie oder Pop-Ballade ankündigte, war da so eine wissende Vorfreude in den Gesichtern zu sehen und die Bereitschaft, an der zuvor verabredeten Liedstelle in gemeinsames Gelächter auszubrechen oder sie mit einem anerkennenden Nicken zu würdigen. Die Empathie war beiderseits. Zu jeder Zeit war Goertz ein Gastgeber, wie ein aufmerksamer Partner. Immer bereit, die Stimmung des Gegenübers wahrzunehmen und darauf mal verständnisvoll, oft schelmisch zu reagieren.

Für das Finale hatte er gleich zwei Höhepunkte vorbereitet. Als das Album "Händels Messiah - A soulful celebration" in dem Rekorder liegt, geht wahrhaftig ein großes "Hallelujah!" durch die Kirche. Die Bässe der 1992 aufgenommenen Neu-Interpretation des Oratoriums von Georg Friedrich Händel (1741) wummern so laut, dass sie über die Stadtgrenzen hinaus zu hören gewesen sein müssen - und Händel hoch oben angeregt haben müssen, im Beat zu schnippen. Und nach knapp zwei Stunden kam, was kommen musste.

Die letzten Minuten dieses Dates gehören Arianna Savalls Liebesreise (Il Viaggio d'Amore). In dem Lied "Doulce Mémoire" brodelt ein Kontrabass, wie der Pulsschlag des Lebens. 450 Herzen haben diesen Rhythymus in der Neanderkirche aufgenommen, und ihn spät am Abend hinausgetragen auf die Straßen.

Quelle: RP
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