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Düsseldorf
Ein bisschen kopflastig

Düsseldorf: Ein bisschen kopflastig
Mann gegen Mann: Die Lichtarbeit von Bruce Nauman heißt "Double Poke in the Eye II" (1985) und hängt in der Avatar-Ausstellung in der Kunsthalle.
Düsseldorf. Die Ausstellung "Avatare und Atavismus" zeigt herausragende Positionen der 80er Jahre bis heute. Daneben steht Kunst von Outsidern. Von Annette Bosetti

Was für ein sperriger Titel: Avatare und Atavismus. Auf der anderen Seite: Was für ein Reichtum an hervorragenden Werken von Künstlern mit großen Namen. Günther Förg, Franz West, Martin Kippenberger, Walter Dahn, Jiri Georg Dokoupil und viele Kollegen sind dabei. In den Achtziger Jahren wurden sie berühmt und waren längst nicht so teuer, wie sie heute sind. Die Jungen Wilden waren eher abstrakt, dachten konzeptionell. Doch viele von ihnen bearbeiteten irgendwann wie abgesprochen das gleiche Motiv, den zerstückelten Körper, den Kopf. "Es kommt aus inneren Kanälen, aus einem kollektiven Gedächtnis heraus", sagt Kurator Veit Loers, der die Kunsthalle gemeinsam mit Pia Witzmann in eine berauschende Arena des Archetypischen verwandelt hat.

"Eine Ausstellung stellt immer Fragen", doziert der ehemalige Leiter des Museums Abteiberg in Mönchengladbach. "Eine unserer Fragen war: Wie sieht die kollektive Erinnerung aus? Wie kommt das Primitive in die Kunst?" Eine Antwort gibt er mit dieser Ausstellung. "Das Primitive ist positiv zu sehen. Alles tritt in der Kunst immer wieder archetypisch hervor, die Verkörperung dessen ist der Avatar." Er bekenne sich zum Primitiven. "Das ist Punk. Protest aus dem Bauch."

Loers stößt ein Fenster in die Vergangenheit auf, in die Zeit, als der Körper, der Torso, die einzelnen Gliedmaßen und vor allem der Kopf "Motive des Zeitgeists" waren. Dabei ist sein Blick anthropologisch getönt, die zwei integrierten Räume, die mit Arbeiten von psychisch Kranken aus Deutschland und Italien bestückt sind, nennt er Labor zur Feldforschung. "Die Moderne hat die Avatare auf der Suche nach dem Primitiven bei der Kunst der Geisteskranken entdeckt und sich ihrer neu versichert." Berühmte Künstler wie Picasso, Dalí oder Max Ernst studierten Bilder von psychisch Kranken. Die einen wie die anderen Künstler in dieser Ausstellung haben Köpfe bearbeitet, archetypische Bilder für den Menschen gefunden. "Der ganze Mensch ist Kopf", hat Rudolf Steiner gesagt. "Was sich im Kopf abspielt, ist immer ein Abbild des ganzen Weltalls, durch das ganze Leben hindurch."

Das Schlüsselbild der Ausstellung liefert Georg Herold - durchaus mit Augenzwinkern. Zwei Köpfe hat er aus Holzlatten auf der Rückseite einer Leinwand dargestellt, der eine Einstein, der andere ein Neandertaler. Herold nennt es "Nachweis höherer Intelligenz", setzt gleich, was 40 000 Jahre auseinander liegt. Viel verändert hat sich nicht.

Einen Kopfavatar hat auch Georg Baselitz erschaffen, sein grob geschnitztes Exemplar weist in eine andere Zeit als die Neonarbeit von Bruce Nauman: Hier werden Augen ausgestochen, dem Kopf der Blick in die Welt genommen. Spannung erzeugt der Kurator aus der Kluft zwischen archaischen und neuzeitlichen Gesellschaften. Fast mit kühner Attitüde empfangen den Besucher die Köpfe von Thomas Schütte, die leitmotivisch über der Treppe hängen, "Wichte" nennt er sie, die oben thronen. Die Köpfe von Günther Förg von 1990 sind ähnlich, bei Förg heißen die geheimnisvollen Bronzen "Masken". Er hat die Modelle von einem Bildhauer herstellen lassen, selbst nur in die Masse geritzt oder Kügelchen als Augen appliziert. Statt Köpfen liefert Rosemarie Trockel gestrickte Gesichtshauben, Hakenkreuze und Bunnys bilden darauf Muster. Viel früher schuf Louise Bourgeois den Mini-Avatar aus Teddystoff.

Den großen Saal dominiert der "Muttertempel" von Jonathan Meese und Tal R, fast verlieren sich die zwei weißen Lemuren von Franz West davor. Süffisant und intelligent rahmen die Bilder von Martin Kippenberger das Ganze ein, darüber die Riesengemälde von André Butzer mit nicht nur bösen Fratzen. Im Obergeschoss geht es weiter mit moderneren Positionen, es sind fantastische Arbeiten, vor allem die Installation der Tschechin Eva Kotatkova, die die Verstümmelung des Menschen durch den Erziehungsapparat thematisiert.

Diese Schau mit erlesenen Leihgaben ist kopflastig im zweifachen Sinne. Aber sie ist sehenswert und anregend. Die Kunststiftung NRW hat diesen interessanten kuratorischen Ansatz unterstützt, die Bundeskulturstiftung nicht.

Quelle: RP
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