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Düsseldorf
Ein Buch, das vom Schrecken befreit

Düsseldorf. Herbert Schmidt hat ein Buch über die Erlebnisse des Auschwitz-Überlebenden Israel Borenstein geschrieben. Der eindringliche Text legt Zeugnis ab von unmenschlichen Leiden. Eine wichtige Veröffentlichung. Von Claus Clemens

Am Anfang war die Tat. Zum Opfer fiel ihr, zusammen mit Millionen anderer Juden, auch Israel Borenstein. Die Tat, das war die unmenschliche Quälerei in den Konzentrationslagern Auschwitz und Birkenau, die in den allermeisten Fällen mit der Ermordung der Insassen endete. Nach der Tat, nach seiner Befreiung aus dieser Hölle, fehlte dem polnischen Juden Israel Borenstein das Wort. Wo Faust in Goethes Drama bei der Übersetzung des Johannesevangeliums über den griechischen Begriff "Logos" stolpert, da ist der Überlebende des Holocausts längst an seiner Gottsuche verzweifelt. "Irgendwo hab ich mal gelesen, dass man an Gott nur ohne jede Hoffnung auf Hoffnung glauben kann. Ich glaube, so kann man das sagen." Diesen Satz diktiert Borenstein fast sechs Jahrzehnte später seinem Freund Herbert Schmidt in die Feder.

Seit dem Ende des Krieges hatten er und seine Frau Chanka, gleichfalls KZ-Überlebende, über die fürchterlichen Erlebnisse geschwiegen. Nicht ein Wort hörten ihre Söhne von dem, was die Eltern damals durchmachen mussten. Erst 2001, bei einem Krankenhausaufenthalt, entschloss sich der 87-Jährige, sein Schweigen zu beenden. 1947 hatte er in Leipzig beim "Geschäftemachen" mit einem Juwelier auch dessen Sohn kennengelernt. Später trafen sich beide zufällig wieder an ihrem neuen Wohnort Düsseldorf. Es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft, die auch die Ehepartner mit einschloss. Herbert Schmidt, der Leipziger Sohn, war nach einem Berufsleben als Schmuckhändler zum Historiker geworden, mit dem Schwerpunkt "nationalsozialistische Verbrechen in Düsseldorf". Mehrere Veröffentlichungen Schmidts beschäftigen sich mit der Judenverfolgung und Terrorurteilen in dieser Stadt. Nun aber wurde der aktive Forscher zum demütigen Protokollanten, dem seine Erschütterung über das Gehörte ständig Alpträume bescherte. Über fünfzig Manuskriptseiten lang ist das von Schmidt festgehaltene Dokument faschistischer Grausamkeit.

In einem jetzt veröffentlichten Buch sind die Erlebnisse Borensteins eingebettet in Dokumente der verordneten Auslöschung jüdischen Lebens in Europa. Es ist wirklich kaum auszuhalten, was der 2014 in seinem hundertsten Lebensjahr Verstorbene von den Tagen, Nächten, Monaten und Jahren in Auschwitz berichtet. Um wie viel weniger ertragbar als die Lektüre dieser Texte muss die erlebte Wirklichkeit gewesen sein. "Ich habe mir vorgenommen, alles, aber auch alles mir von der Seele zu reden, mich zu befreien, weil ich hoffe, dass ich so eventuell etwas mehr Ruhe für mich finden werde."

So endet das Vermächtnis des am 2. April 1914 in Szczekociny, einer kleinen Stadt im oberschlesischen Polen, als Sohn von Yosek und Ruchla Borensztain geborenen Mannes. In dem Bericht gibt es eine Episode, die von einer Befreiung anderer Art handelt. Israel Borenstein und zwei Mithäftlinge töten einen der "Kapos", jener von der SS eingesetzten und für ihre extreme Grausamkeit gefürchteten Aufseher. Im Buch heißt es dazu: "Ich fühle keine Schuld. Im Gegenteil, diese Tat war eine notwendige Genugtuung, eine Befreiung. Wir fühlten uns nämlich in diesem Moment unseren Peinigern weit überlegen!"

Den Umschlag für das im Düsseldorfer Verlag "Edition Virgines" erscheinende Buch hat der Maler Gerhard Richter entworfen, auch er ein langjähriger Freund des Herausgebers Herbert Schmidt. Der gut 150 Seiten umfassende Band "Mein Freund Israel" wird am 7. April im Leo-Beck-Saal der jüdischen Gemeinde Düsseldorf vorgestellt werden.

Quelle: RP
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