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Düsseldorf
Ein Junggenie für Mozart

Düsseldorf. Der 20 Jahre alte Pianist Jan Lisiecki wagt sich ans Allerschwerste heran: an Musik von Wolfgang Amadeus Mozart. Das Publikum in der Tonhalle reagiert enthusiastisch. Von Regine Müller

Der große Alfred Brendel war fast 55 Jahre alt, als er 1985 seine "Ermahnungen eines Mozartspielers an sich selber" zu Papier brachte. Er schildert darin die Schwierigkeiten, den Rätseln und der Komplexität von Mozarts Klavierkonzerten gerecht zu werden. Vereinfacht gesagt lautet Brendels tückisches Rezept: Balance. Das Wort umschreibt einen Suchvorgang, der nie im Ruhezustand mündet und menschliche und musikalische Fähigkeiten voraussetzt, die man einem 55-Jährigen zutrauen darf.

Jan Lisiecki aber ist gerade einmal 20 Jahre alt. Und bereits 2012 hat der junge Pianist jene beiden späten Mozart-Klavierkonzerte auf CD eingespielt, mit denen er nun in die Tonhalle kam. Lisiecki zählt zu den großen Hoffnungen der jüngsten Pianisten-Generation. In dieser Liga aber ist er der Einzige, der sich an Mozart herantraut. Ob er Brendels "Ermahnungen" jemals gelesen hat?

Wenn der groß gewachsene, schlaksig schmale Lisiecki die Bühne betritt, wirkt er wirklich sehr jung. Eine sympathische Mischung aus freundlicher Zuwendung, Schüchternheit und ernsthafter Konzentration umgibt ihn, wenn er extrem weit von den Tasten entfernt Platz nimmt. Das famose Zürcher Kammerorchester - von Roger Norrington auf schlanken Non-vibrato-Ton getrimmt - stimmt ohne Dirigent unter der Leitung seines Primgeigers Willi Zimmermann den Kopfsatz von Mozarts C-Dur-Konzert KV 467 an, und Lisiecki nimmt sofort Blickkontakt auf mit seinen Dialogpartnern, den Bläsersolisten und den ersten Streicherpulten. Er denkt als kommunizierender Kammermusiker, nicht als Tastenprotz, und so kommt ihm das Musizieren ohne Dirigent spürbar entgegen. Sofort wird klar: Die von Brendel geforderte Balance wird hier - zumindest in Sachen Tempo - gemeinsam errungen, ohne dass ein Taktstock dazwischen peitscht.

Lisiecki frappiert vom ersten Einsatz an: mit traumwandlerischer Sicherheit in größter Freiheit und einem natürlich pulsierenden Duktus, der das Rhetorische ohne Rechthaberei formuliert, dramatisch-ruppige Akzente setzt, ohne sich aufzuplustern, und mit schmerzlichen Wendungen trauert, ohne zu jammern. Den berühmten zweiten Andante-Satz, oft als süß-saure Sentimentalität vergoren in Streicher-Zuckerwatte serviert, spielt Lisiecki flüssig und leuchtend, schlicht wie ein Lied und doch ergreifend in seinen hoch empfindsamen Nuancen. Gleiches gilt für den zweiten Satz im düsteren Schwesterwerk in d-moll von 1785, das Lisiecki insgesamt noch zupackender, entschiedener angeht. Die schnellen Ecksätze bringen ihn selbst bei grenzwertig schnellen Tempi nie in Verlegenheit, die haarigen Läufe aber wollen gar nicht "perlen", denn Lisiecki baut Akzente und rhetorische Widerhaken ein.

Er benutzt das rechte Pedal selten und nur sehr diskret, sein Mozart-Ton ist klar, kompakt, kein bisschen verschleiert und doch keineswegs trocken oder gar hart. Er besitzt eine innere Weite, die sich nicht räumlich ausbreiten muss.

Das Zürcher Kammerorchester befindet sich im schönsten Einklang mit Lisieckis energiegeladenem Mozart-Verständnis und sekundiert mit intelligenten Impulsen und feinsinnigen Soli. Mozarts kurzer D-Dur-Marsch dient als beherzte Einstimmung des Abend, vor dem d-moll-Konzert erklingt Schuberts lichte B-Dur-Symphonie aus dem Geiste Mozarts, leicht und weh zugleich.

Ovationen für einen beglückenden Abend.

Quelle: RP
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