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Düsseldorf
Ein Konzert nach dem Glücksrad-Prinzip

Düsseldorf. Eiserner Grundsatz für klassische Konzerte ist, dass nichts dem Zufall überlassen bleibt. Das gilt dafür, was und wie es gespielt wird. Dass es auch anders geht, war im Robert-Schumann-Saal zu erleben. Beim Konzert des Brodsky-Quartetts stand ein Glücksrad auf der Bühne. Statt der üblichen Zahlen, wie von Lotterien gewohnt, las man darauf Namen wie Beethoven oder Brahms. Gespielt wurde das, was nach dem Drehen des Rades durch Freiwillige aus dem Auditorium angezeigt wurde. Von Gert Holtmeyer

Wäre es möglich, dass durch einen unglücklichen Zufall ein Programm nur aus typischen Rausschmeißern oder Einspielstücken entsteht? Nein, denn es gibt vorab eine sinnvolle Strukturierung. Immer werden vier Werke aufgeführt. Auf dem Rad befinden sich vier konzentrische Kreise. Das erste Stück wird aus dem inneren Kreis gewählt, und dann geht es entsprechend weiter bis zum letzten nach außen.

Zuerst wurde Henry Purcells Chaconne g-moll ausgelost, es folgte das zweite Streichquartett von Erich Wolfgang Korngold. Man merkte dabei, wie gut die vier alten Hasen aufeinander eingespielt sind. Immerhin sind zwei seit der Gründung im Jahre 1972 dabei, die Cellistin Jacqueline Thomas und der zweite Geiger Ian Belton; Bratscher Paul Cassidy kam später hinzu, der Primarius Daniel Rowland erst vor acht Jahren. Zudem wurde klar: Das Quartett hat sich nicht auf einen Einheitsstil festgelegt, sondern differenziert. Die Wiedergabe Purcells orientierte sich an den Prinzipien der historischen Aufführungspraxis, mit einem Minimum an Vibrato und weichem Kontakt zwischen Bogen und Saiten. Anders ging es bei Korngold zu. Betont wurde zum einen das Romantische, Expressive - mit intensivem Vibrato, dichter Tonbildung und absichtlich hörbaren Lagenwechseln (Glissandi). Aber auch andere stilistische Facetten wurden deutlich artikuliert, Jazziges ebenso wie der süße Charme Wiener Caféhausmusik.

Es waren schwierige und selten gehörte Werke, die aufgeführt wurden. Nach der Pause zuerst das der U-Bahn seiner Heimatstadt gewidmete, mit vitaler Motorik durchsetzte "Metro Chabacano" des Mexikaners Javier Alvarez. Mal virtuos, mal martialisch hämmernd, mal witzig, mal beunruhigend, mal tief traurig erklang Schostakowitschs drittes Streichquartett. Zugabe: Mendelssohn, "Auf Flügeln des Gesanges".

Leider blieben viele Stühle leer, vielleicht, weil unsereins bei Kammerkonzerten doch lieber vorher weiß, was gespielt wird. Allerdings: So gut wie hier praktiziert war das Konzert eine erfrischende Abwechslung, die vom Publikum begeistert aufgenommen wurde.

Quelle: RP
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