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Lisa Stansfield
"Ein neuer Staubsauger war für mich Luxus"

Lisa Stansfield: "Ein neuer Staubsauger war für mich Luxus"
Lisa Stansfields Karriere begann 1989 mit dem Album "Affection" und dem Welthit "All Around The World". FOTO: Imago
Düsseldorf. Die 52-Jährige über ihre Kindheit in bescheidenen Verhältnissen, erste Erfolge und den Tag, an dem sie ihrer Mutter einen Mercedes schenkte.

Für ihre Stimmgewalt ist Lisa Stansfield bekannt. Auch auf ihrem neuen Album "Deeper", das sich hier poppig, da soulig zeigt und manchmal gar dem Funk huldigt, weiß ihre markante Stimme zu punkten. Im Mai stellt sie die Platte bei einem Konzert im Capitol-Theater vor. Im Gespräch klingt Stansfields Stimme tiefer, rauer, ihr Lachen kehlig.

Ihr Lied "Billionaire" vermittelt den Eindruck, dass Ihnen Liebe wichtiger ist als Geld.

Stansfield Jetzt mal ehrlich: Was nützt es Ihnen, jede Menge Geld zu haben, wenn Sie einsam sind? Wer seinen Reichtum nicht mit einem anderen Menschen teilen kann, hat im Grunde nichts. Zu lieben und geliebt zu werden, halte ich für wesentlicher als ein dickes Bankkonto.

Heißt das, Ihr Geld hat Sie nicht glücklicher gemacht?

Stansfield Für mich ist Reichtum eine zwiespältige Angelegenheit. Sicher ist es angenehm, alle Rechnungen bezahlen und sich etwas leisten zu können. Auf der anderen Seite bringt Geld einen gewissen Unsicherheitsfaktor mit sich. Sie fragen sich dauernd: Interessiert sich mein Gegenüber tatsächlich für mich? Oder nur für mein Vermögen? Plötzlich kommen Leute, die jahrelang kein Wort mit Ihnen gewechselt haben, auf Sie zu und wollen Sie anpumpen. Zum Glück habe ich mit der Zeit ein Gespür dafür entwickelt, wer meine wahren Freunde sind.

Das Problem hat sich Ihnen früher nicht gestellt, weil Sie in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen sind.

Stansfield Für meine beiden Schwestern und mich gab es bloß zwei Zimmer. Das hat mich als die Mittlere besonders hart getroffen, ich musste mir immer mit einer Schwester ein Zimmer teilen - zuerst mit der Ältesten, dann mit der Jüngsten. Doch das war nicht alles. Wir hatten keine Zentralheizung, darum war es morgens eiskalt. Es hat mich viel Überwindung gekostet, überhaupt das Bett zu verlassen.

Wurde Ihre Situation schlagartig besser, als Sie mit "All Around The World" Ihren ersten Hit hatten?

Stansfield Anfangs sah ich lediglich die beeindruckenden Verkaufszahlen. Es dauerte eine Weile, bis endlich Geld auf mein Konto geflossen ist. Zuerst habe ich mir einen vernünftigen Staubsauger gekauft. Das war für mich schon Luxus. Allein der Gedanke, mir mal etwas Extravaganteres zu gönnen, trieb mir damals den Schweiß auf die Stirn.

Zu welchem Kauf würden Sie sich beglückwünschen?

Stansfield Ich habe meiner Mutter einen Mercedes geschenkt. Es war so schön, ihr Gesicht zu sehen, als sie ihn bekam. Für sie - eine Frau, die Armut nur zu gut kennt - ist mit diesem Auto auf jeden Fall ein Traum wahr geworden.

Solche Geschenke können sich junge Künstler heutzutage nicht unbedingt leisten. Sind Sie froh, dass Sie Ende der 80er Jahre richtig durchgestartet sind, als die Musikbranche boomte?

Stansfield Ich glaube, ich hätte auch im 21. Jahrhundert als Newcomerin Erfolg gehabt. Denn mein Credo ist: Wenn du etwas wirklich willst, findest du immer einen Weg, um dein Ziel zu realisieren.

Hätten Sie sich vorstellen können, in eine Casting-Show zu gehen?

Stansfield Ich habe durchaus bei einigen Talentshows mitgemacht. Aber das lief in meiner Jugend auf einem völlig anderen Level ab als jetzt. Ich kam nicht ins Fernsehen, ich wurde nicht von anderen manipuliert. Darauf hätte ich mich niemals eingelassen.

Reizt es Sie auch nicht, in der Jury einer Casting-Show zu sitzen?

Stansfield Solche Angebote habe ich stets ausgeschlagen. Einzig "The Voice" finde ich halbwegs akzeptabel. In anderen Shows treten die Kandidaten auf wie dressierte Äffchen. Sie verlieren ihre Persönlichkeit. Dabei sollte ein Musiker das, was er zu sagen hat, mit eigenen Worten formulieren.

Schreiben Sie deshalb Ihre Stücke gemeinsam mit Ihrem Mann selber?

Stansfield Ja. Ich bin in der komfortablen Situation, ein Studio zu besitzen. Darum gerate ich bei einer Plattenproduktion nie unter Zeitdruck, sondern kann so lange an meinen Songs arbeiten, bis ich zufrieden bin.

Sie sind eigentlich ein politischer Mensch und haben die Labour Party eine Weile finanziell unterstützt. Warum reflektieren Sie weder Brexit noch aktuelles Weltgeschehen in den "Deeper"-Titeln?

Stansfield Erstens sehe ich mich nicht als politische Künstlerin, zweitens will ich meine Zuhörer nicht mit alltäglichen Dramen deprimieren. Im Gegenteil: Meine Musik soll sie die Härte des Lebens vergessen lassen. Aus diesem Grund gibt es auf meiner CD überwiegend Gute-Laune-Songs wie "Hercules", die davon handeln, am Wochenende auszugehen und einfach Spaß zu haben.

DAGMAR LEISCHOW FÜHRTE DAS INTERVIEW.

Quelle: RP
 
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