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Interview mit Regisseur Andres Veiel
Eine Doku über Joseph Beuys' hasenhaften Humor

Interview mit Regisseur Andres Veiel: Eine Doku über Joseph Beuys' hasenhaften Humor
"Beuys ist ein Hase", sagt Veiel über den Künstler, der 1986 verstarb. FOTO: Evers Gottfried
Berlin. Andres Veiel hat eine Dokumentation über die künstlerischen und politischen Ideen des Düsseldorfer Akademieprofessors Joseph Beuys gedreht. Der Film läuft im Wettbewerb der Berlinale. Von Dorothee Krings

Damit ist Veiel (Jahrgang 1959) der erste Deutsche, der es mit einer Dokumentation in den Wettbewerb der Berlinale geschafft hat. Er montiert aus Archivmaterial ein Porträt des Künstlers Joseph Beuys. Und begegnet einem politischen Denker, der jeden Einzelnen für fähig hielt, sich gesellschaftlich einzumischen.

Joseph Beuys ist 1986 gestorben. Warum interessieren Sie sich jetzt für sein Schaffen?

Veiel Weil seine politischen und ökonomischen Ideen von überraschender Aktualität sind. Beuys hat sich Gedanken gemacht über losgelöste Geldströme, die sich aus sich selbst heraus vermehren, Blasen hervorbringen, und hat gefragt, ob man das Wirtschaftssystem nicht demokratisieren kann, damit Geld nicht nur dahin fließt, wo es den meisten Ertrag bringt, sondern wo es gebraucht wird. Ein Künstler, den viele nur wegen seiner Fett- und Filzarbeiten kennen, hat sich in solche Sphären hinausgewagt.

Dafür hat er auch viel Kritik einstecken müssen - Künstlern, die sich politisch äußern, wird gern Traumtänzerei unterstellt.

Veiel Beuys hat als Künstler das gesellschaftliche Feld beansprucht, er hat gestaltend eingegriffen und dem Menschen grundsätzlich unterstellt, dass er in der Lage ist, seine Lebenswelt zu verändern. Natürlich hat er dadurch provoziert. Und seien Ideen tun das bis heute. Das Aufkommen der AfD etwa hat mich darin bestätigt, wie wichtig es ist, sich mit einem politisch denkenden Künstler wie Beuys zu beschäftigen. Gerade in einer Zeit, in der immer mehr Menschen sich abgehängt fühlen und sich zurücksehnen nach einer Zeit, in der vermeintlich alles besser war. Beuys hat konstruktiv und wach in die Zukunft geschaut und gefordert, das gestalterische Potenzial wieder in die Mitte zu legen. Er wollte die Kunst zurückholen aus den Museen, aus den Schlagzeilen, in denen es nur um Rekorderlöse bei den Kunstauktionen geht. Er wollte, dass Kunst wieder gesellschaftlich wirksam ist.

Man könnte mit Blick auf Beuys auch sagen, dass selbst die engagierteste Kunst am Ende nichts bewirkt. Den neoliberalen Kapitalismus hat er nicht aufhalten können.

Veiel Beuys hat immerhin so viel bewirkt, dass sich 30 Jahre nach seinem Tod ein Filmemacher drei Jahre mit ihm beschäftigt hat und nun einen Film vorlegt, der zeigt, dass seine Ideen wie eine Batterie sind, deren Kraft wir wieder nutzen sollten. Kunst kann die Welt nicht retten. Kunst ist vielmehr ein dauernder Prozess, der Menschen die Möglichkeit schenkt, sich mit ihrer Gegenwart zu beschäftigen. Das Kino ist ein wichtiger Ort für diesen Diskurs, Menschen teilen einen Raum und beobachten gemeinsam einen Ausschnitt von Wirklichkeit. Ich glaube, dass solche Orte wieder wichtiger werden. Je virtueller die Welt, desto mehr gibt es den Wunsch nach realer Begegnung. Das Kino wird nicht aussterben.

Und das Genre Dokumentarfilm?

Veiel Das wird auch wichtiger. Wir leben in Zeiten schneller Schlagzeilen, in der ein ungeheurer Produktionsdruck herrscht. Für Klickraten ist es nicht mehr wichtig, ob eine Nachricht wahr ist. Sie kann auch einfach nur ein Weltbild möglichst polarisierend in die Öffentlichkeit drücken. Darin liegt aber eine gigantische Chance für den Dokumentarfilm, denn er tut genau das Gegenteil. Er hat das Privileg, sich über einen langen Recherchezeitraum mit einem komplexen Thema zu beschäftigen. Das Ergebnis ist ein Kondensat von präzise erzählter Wirklichkeit. Sich da andocken zu dürfen, ist ein Geschenk.

Sie haben Ihre Doku weitgehend aus Archivmaterial montiert, warum?

Veiel Wir haben mit 22 Zeitzeugen Interviews geführt, aber nur fünf haben es in den Film geschafft. Wir haben uns entschieden, ganz auf Beuys zu setzen. Das war natürlich eine Herausforderung. Allein schon wegen der Rechte, wir haben 200 Lizenzgeber für unseren Film und manches Foto konnten wir am Ende nicht verwenden, weil manche Leute noch mal richtig Geld mit Beuys verdienen wollten. 5000 Euro für ein Bild konnten wir nicht zahlen. Manche Sequenzen mussten wir deswegen neu konzipieren.

Der Sammler Franz Joseph van der Grinten hat es in den Film geschafft.

Veiel Ja, wir haben einen ganzen Tag miteinander verbracht. Wir haben Zeitzeugen gesucht, die eine bestimmte Lebensphase von Beuys unmittelbar, emotional miterlebt haben. Uns ging es nicht um lustige Anekdoten - ich und Beuys. Wir wollten Ideenräume, Widersprüche, das Faszinosum Beuys erzählen. Darum sind wir auch immer wieder bei ihm selbst gelandet.

Sie haben auch das Museum Schloss Moyland besucht, wie hat das Ihren Film beeinflusst?

Veiel Die Zusammenarbeit war sehr wichtig, weil das Museum Zugang zu vielen Fotosammlungen besitzt, die für uns spannend waren. Auch bei der Digitalisierung von Werken haben wir sehr produktiv zusammengearbeitet.

Würden Sie Ihre Doku als einen politischen Film bezeichnen?

Veiel Unbedingt! Ich hoffe, dass er zeigt, wie wichtig es ist, den Gestaltungsbegriff aus der Kunst ins Politische zu tragen. Wir können unsere Gesellschaft gestalten, wir müssen nicht abwarten und klagen. Wesentliche Fragen unseres Miteinanders müssen wir an uns selbst richten, nicht an die Politiker. Dazu stellen wir durch den Film die Frage, welche Ökonomie, welchen Kapitalismus wir wollen. Wenn in den USA schon wieder dereguliert wird, Mauern gebaut werden sollen, dann hat das alles für mich eine brennende Aktualität. Wir machen einen Umweg über Beuys, stoßen aber ins Heute. Ich hoffe, dass das erkannt wird.

Gibt es einen Satz von Beuys, den Sie aus der Fülle an Material für sich mitnehmen aus drei Jahren Arbeit?

Veiel Es ist mehr eine Haltung. Die des Humors. Beuys ist ein Hase. Immer, wenn er vermeintlich in die Enge getrieben wird, schlägt er plötzlich einen Haken, lacht, entspannt die Situation. Das ist absolut undeutsch und war für mich sehr befreiend. Wir sollten nicht verbittern, sondern auch schlimmen Zeiten mit Humor, Energie und Glaube an die Veränderbarkeit der Welt begegnen. Die Welt muss nicht so bleiben, wie sie uns heute erscheint. Denken kann Wirklichkeit gestalten. Wir dürfen immer noch ans bessere Argument glauben. Aber das bessere Argument muss vorgebracht werden - dafür steht Beuys.

Quelle: RP
 
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