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Düsseldorf
Eine Probenstunde mit dem Tod

Düsseldorf. Das Ballett am Rhein tanzt bei seinem nächsten Abend "b.27" das expressionistische Antikriegs-Werk "Der grüne Tisch" von Kurt Jooss. Von Dorothee Krings

Der Tod geht in Stellung. Die Hände hat er zu Fäusten geballt, sein Blick ist starr, jeder Muskel unter Spannung. Nun rumort das Klavier, setzt die ersten Impulse, hart wie Schläge. Der Tod nimmt sie auf. Seine Beine, seine Arme regen sich, vollführen schnelle, kantige Bewegungen, die zugleich sperrig sind und fließend wie bei einem rituellen Tanz. Jetzt streckt Chidozie Nzerem die Arme expressiv zur Seite, krümmt dann den Körper, wendet sich beim nächsten Schlag nach rechts. Doch plötzlich lässt der Tänzer alle Körperspannung fahren, lächelt und läuft aus wie ein Sprinter nach dem Fehlstart. Der Pianist hält inne. Der Winkel der letzten Drehung hat nicht ganz gestimmt, schon gerät die Choreografie aus den Fugen, zielen die nächsten Schritte des Todes in die falsche Richtung.

"Das war schon sehr, sehr gut", sagt Jeanette Vondersaar (65), springt auf, tritt zum Solisten auf den Gummiboden, schaut ihn kurz versonnen an, denkt nach. Auf den Schrittfehler geht sie gar nicht ein. Sie interessiert sich für den Blick des Tänzers. "Du musst nicht gucken, du musst sehen", sagt sie und richtet die eigenen Augen zum Ende des großen Probensaals im Bilker Balletthaus. Und sofort ist klar, was sie meint, denn ihr Blick ist weder ziellos schweifend, noch starr. Vondersaar hat etwas ins Visier genommen, nichts könnte sie jetzt noch davon abbringen. Nzerem wird es ihr beim nächsten Versuch gleichtun. Und auf einmal wissen seine Füße genau wohin, und der Ausdruck seines Tanzes ist zutiefst bedrohlich. Der Tod hat jetzt seine Beute fest im Blick.

Mit "Der grüne Tisch" entwickelte der deutsche Choreograf Kurt Jooss Anfang der 1930er Jahre ein zeitlos gültiges Ballett über den Krieg, seine Anstifter und seine Opfer. Während an einem grünen Konferenztisch Herren im Anzug über Frieden oder Verderben verhandeln, müssen Frauen plötzlich von ihren Männern Abschied nehmen, greifen Partisanen zu den Waffen, und der Tod bricht auf, die Lebenden zu holen.

1932 gewann Jooss mit dieser Arbeit einen renommierten Preis in Paris und wurde über Nacht berühmt. Der Mitbegründer der Essener Folkwangschule und Wegbereiter für den Ausdruckstanz in Deutschland hatte das Handlungsballett in die Moderne überführt und zugleich ein Stück geschaffen, das seine traurige Gültigkeit bis heute nicht verloren hat. Wenn am Freitag der nächste Ballettabend von Martin Schläpfer "b.27" in der Rheinoper Premiere hat, wird diese Choreografie zu Musik von F. A. Cohen den Abend mit großer Wucht beschließen.

Jeanette Vondersaar möchte nun noch einmal sehen, wie Chidozie Nzerem das große Solo des Todes beginnt. Sie kehrt zurück in die Stuhlreihen, gibt dem Pianisten den Einsatz, Nzerem beginnt sein Werk. "Ich versuche, den Tänzern den Grund für ihre Bewegungen zu erklären", sagt Vondersaar, "sie müssen die Geschichte verstehen, dann werden sie die richtige Energie in sich spüren und die Bewegungen werden stimmen." Schon mehr als 20 Mal hat die frühere Solistin des Nationalballetts in Amsterdam den "grünen Tisch" einstudiert. Erst wurde sie die Assistentin von Kurt Jooss' Tochter Anna Markard, die das Werk ihres Vaters an neue Generationen weitergab. 2010 ist Markard gestorben, seither ist Vondersaar erste Hüterin des "grünen Tisches".

Die gebürtige Amerikanerin hat das Stück 1967 in New York zum ersten Mal gesehen, da war sie noch Studentin. 1978 tanzt sie dann selbst darin mit. Seither beschäftigt sie dieses expressive Werk über den Krieg, diese Anklage der Täter am grünen Tisch, die sich die Finger nicht schmutzig machen wollen. "Wenn ich das Stück einstudiere, lass ich mich jedes Mal aufs Neue ganz davon absorbieren", sagt Vondersaar. Sie kennt nicht nur jeden Schritt, jede Geste, in dieser komplexen Arbeit, ihr geht es vor allem um die besondere Energie, die genauso in den Blicken der Tänzer ihren Ausdruck findet wie in ihren Bewegungen. "Natürlich muss ich dafür sorgen, dass die Choreografie immer so ausgeführt wird, wie Kurt Jooss sie geschaffen hat", sagt Vondersaar, "aber jede Einstudierung ist anders, weil die Persönlichkeiten der Tänzer anders sind - das finde ich spannend." Nach einer ersten Probenphase im Februar ist Vondersaar nun seit zwei Wochen in Düsseldorf, um die Tänzer auf die Premiere vorzubereiten. Am Freitag wird sie kurz vor dem Auftritt noch einmal zu ihnen sprechen, sich dann in die Zuschauerreihen setzen - und leiden. "Ich gehe im Geiste jede Bewegung mit und bin wahrscheinlich nervöser als die Tänzer selbst", sagt die Ballettmeisterin und lacht. Trotzdem findet sie, dass sie zur Premiere ins Publikum gehört. "Von diesem Moment an gehört das Stück den Tänzern."

Quelle: RP
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