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Düsseldorf
Eine Stadt jagt einen Mörder

Düsseldorf. Die Düsseldorfer Autorin Susann Brennero hat einen Kriminalroman über den Serienmörder Peter Kürten geschrieben. Von Klas Libuda

In Flingern ist die Welt in Ordnung: Die Sonne scheint überm "Düsselstrand", Radfahrer rauschen vorbei, zwei Frauen verlassen das Schwimmbad, eine lacht. Sie müssten sich jetzt mal ein bisschen beeilen, mahnt sie, denn "die Bahn kommt". Sie laufen also los, die Ampel leuchtet bereits dunkelgelb, aber das ist jetzt auch egal, und, klar, sie schaffen's noch. Es ist Spätsommer, es ist eine gute Zeit.

Und es ist der Ort, in dessen Nähe vor 87 Jahren ein Mord geschah, "auf einem leeren Bauplatz in nächster Nähe zur Vinzenzkirche", wie Susann Brennero schreibt. "Arbeiter der benachbarten Baustelle des neuen städtischen Bades an der Kettwiger Straße haben das ermordete Kind mit noch brennender Kleidung auf einem kleinen Erdhügel entdeckt."

Natürlich deutet heute nichts mehr auf die Tat hin, die sich hier tatsächlich zugetragen hat. Nahe der Kettwiger Straße war damals ein Mädchen weggelockt und ermordet worden. Der Täter: Peter Kürten. Als "Vampir von Düsseldorf" ging der Serienmörder, der 1930 gefasst wurde, in die Geschichte ein. Wegen Diebstahsl, Erpressung, Körperverletzung, Unzucht, Brandstiftung und Fahnenflucht war der damals 46-Jährige vorbestraft. Dann wurden ihm neun Morde zur Last gelegt, und Kürten gestand. Er tötete aus Lust, gab er zu Protokoll, von einigen Opfern soll er das Blut getrunken haben. 1931 wurde er durch das Fallbeil hingerichtet.

Über die Mordserie, die damals Düsseldorf und das ganze Land in Aufruhr versetzte, hat die Autorin Susann Brennero ein Buch geschrieben. Sie hat den wahren Stoff für ihren Krimi fiktionalisiert. Die Tatorte und die Morde gab es wirklich, einen Ermittler, Otto Bergmann, und einen in eigener Sache ermittelnden Reporter Egon Kron hat sie erfunden. Es ist dieser Kron vom "Rheinischen Tageblatt", dem der Leser in Brenneros Buch folgt: Wie ihn Anfang Februar 1929, mitten im Karneval, der Mord an der achtjährigen Bäckerstochter Rosalie O. packt und nicht mehr loslässt. Wie er mit seinem NSU-Motorrad durch die noch unerschlossene Stadt braust. "Wie die meisten Düsseldorfer Vororte war auch Flingern von der Innenstadt aus nur auf einsamen Wegen zu erreichen", schreibt Brennero, die in der Nähe aufgewachsen ist. Den Fall Kürten kannte sie aus Erzählungen. Jahrelang habe ihr Schulweg sie damals an zwei einstigen Tatorten vorbeigeführt, erzählt sie.

Dort lässt Brennero nun also Egon Kron ermitteln. Sie habe sich entschieden, die Figur zu entwickeln, weil die bisherigen Kürten-Adaptionen stets aus Sicht der Polizei erzählt worden seien, sagt sie. Es gibt Songs von Heavy-Metal-Bands über die Mordserie, es gibt Bücher und Theaterstücke. Schon Regisseur Fritz Lang nahm 1931 in seinem Film "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" Bezug auf den Fall, der in Düsseldorf Panik auslöste. Eltern ließen ihre Kinder nicht mehr auf die Straße, die Polizei forderte Verstärkung aus Berlin an. Bürgerwehren bildeten sich - auch bei Brennero kommt das alles vor. Bei ihr wird aus der Suche eine Jagd. Wenn sie den kriegen, braucht es keine Polizei mehr - das ist so die Stimmung, die die Autorin beschreibt.

Brennero hat in Gerichtsakten und Zeitungsarchiven recherchiert, sie habe sich intensiv mit der Zeit befasst, sie habe versucht, "die Welt im Kleinen abzubilden", sagt sie. "Die gesellschaftlichen Zusammenhänge haben mich interessiert." Wie weit die Gerichtsmedizin jener Zeit war, habe sie überrascht, auch manche moralisch-ethische Haltung sei fortschrittlich gewesen. Umso tragischer sei es, dass nur wenig später die Nationalsozialisten an die Macht kamen, sagt Brennero. In ihrem Krimi ist die NSDAP für viele längst eine Alternative, das Vertrauen in die hiesigen Ordnungsmächte indes schwindet mit jeder Seite.

Quelle: RP
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