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Serie Welche Kultur braucht Düsseldorf?
"Eine Stadt muss verführen können"

Serie Welche Kultur braucht Düsseldorf?: "Eine Stadt muss verführen können"
Christina Irrgang im Opernhaus: Sie wünscht sich, die Stadt möge ein schützender und begehrenswerter Raum für die Bürger sein. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Die Kunstwissenschaftlerin und Musikerin Christina Irrgang gibt in ihrem Gastbeitrag Anregungen für eine neue Kulturpolitik der Stadt. Von Christina Irrgang

Durch Theater kam ich immer wieder im Leben und in der Gesellschaft an - zuletzt vor fünf Jahren als Neu-Düsseldorferin, zum ersten Mal als Viertklässlerin. Ich bin in Waldhessen aufgewachsen, unter uns nannten wir dieses Gebiet jedoch Alrobe, wonach ich vor zwei Jahren eines der Lieder betitelte, das ich zusammen mit Lucas Croon als BAR (Band am Rhein) in Düsseldorf herausbrachte. Ich lebe und arbeite - einige Stationen passierend - nun in dieser Stadt als Kunstwissenschaftlerin, freie Autorin und Musikerin.

Der Blick geht aber nochmals zurück: Da bin ich zehn Jahre alt und fahre mit meiner Schulklasse mit dem Regionalexpress nach Kassel ins Staatstheater. Ein abgedunkelter Raum, rote Sessel, auf der Bühne Erich Kästners "Pünktchen und Anton". Gespannt dokumentiere ich nahezu jeden Moment des Ausflugs mit meiner ersten Fotokamera als ein Versuch, die Dramaturgie und Vision des Tages festzuhalten: Licht und Schatten im Saal, Stimmen und Handlungen auf der Bühne, dann die vorbeifliegenden Bilder am Zugfenster, mit den Mitreisenden stets Eindrücke, Erfahrungen und Gedanken teilend. Ein Diskursraum eröffnete sich für mich an diesem Tag in den frühen 1990er Jahren im Theater - es ist ein "Denkraum der Gesellschaft", wie es Intendant Wilfried Schulz kürzlich im Central bei der Podiumsdiskussion zur Zukunft des Düsseldorfer Schauspielhauses nannte.

Der Besuch des Schauspielhauses als neue Bürgerin dieser Stadt erlaubte mir 2011, Teil der politischen Öffentlichkeit Düsseldorfs zu sein. Den Menschen und Gesprächen hier noch fremd, eröffnete mir das Theater doch die demokratische Möglichkeit, wiederkehrend mit Menschen und Gesprächen in Kontakt zu sein, ja ihren Aussagen zu begegnen und über den bloßen Raum des Schauspieles eine Position inmitten der Stimmen dieser Stadt zu beziehen. Die Inszenierungen lieferten mir Gegenbilder zu einer Realität, die ich hier mehr und mehr aktiv zu formen begann: im Galeriewesen, als Autorin auf dem Feld der Bildenden Kunst, dann selbst in Kooperation mit dem Schauspielhaus, der Oper, ehrenamtlich im Kunstverein, schließlich als Musikerin. Das Schauspielhaus wurde für mich in Düsseldorf zum kulturellen Katalysator, der nicht nur die beruflichen Aktivitäten beförderte, sondern vor allem den Blick öffnete für diese Gesellschaft, in der wir leben: um Teil von ihr zu sein, um Gedanken mit ihr zu teilen, um in und mit ihr zu interagieren.

Welche Fähigkeit kann Kultur also im besten Falle mit sich bringen, um eine Stadt am Leben zu halten? Um Fantasie in ihr wachsen zu lassen? Ich denke jene, die in all ihren Facetten den Raum eröffnet, einen Dialog zu führen. Wie stellen wir uns also die Kulturlandschaft in Düsseldorf vor?

Meine Vorstellung wäre diese: Die Stadt soll dem Bürger ein schützender und zugleich begehrenswerter Ort sein. Sie soll verführen können, aber dabei nicht ihre Haltung verlieren. Sie soll Visionen haben, die über Egoismen hinausragen. Sie soll durch Individualität und Achtung ihrer Besonderheiten überraschen, und das Konventionelle nicht zur Norm verfestigen. Leider sieht das Bild dieser Stadt zu oft ganz anders aus: Statt gepflegter Anarchie begegne ich bei einem abendlichen Spaziergang durch die Altstadt Vandalismus und Gesichtern von Menschen, die ihre Fiktionen verloren haben. Sie gilt es durch Räume der Utopie zu begeistern und nicht durch die nächste Großveranstaltung erneut zu teilnahmslosen Statisten eines Ortes zu machen, der zunehmend nurmehr als Abbild funktioniert.

Düsseldorf hat - so in der Bildenden Kunst oder der Musik - viele wichtige Bewegungen hervorgebracht, die ihrerseits aus Bewegungen - politisch motivierte oder gesellschaftlich euphorisierte Verknüpfungen aus Kunst, Musik, Lyrik, Darstellung - hervorgegangen sind. In Düsseldorf wird jetzt viel von dem gesprochen, was war. Und das beinhaltet ein Warten, das sinnbildlich an Chris Reineckes Kaugummi-Aktion 1970 im Schauspielhaus erinnert. Ein provokativer Moment. Ich wünsche mir statt dem Anhalten der Zeit viel mehr ein Anhalten des Bewusstseins, das neue Visionen trägt und ihnen zu Leben verhilft. Wir dürfen den Denkraum der Gesellschaft dabei nicht verlassen.

Quelle: RP
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