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Düsseldorf
Lasst endlich die Zukunft beginnen!

Electricity Düsseldorf 2015: Lasst endlich die Zukunft beginnen!
Herzkammer der Popkultur: Kraftwerk-Aufkleber an der Wand vor den Kling-Klang-Studios am Mintropplatz. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Wenn über Musik aus Düsseldorf geredet wird, hört man zumeist die notariell beglaubigten Geschichten aus den 70ern. Die Stadt droht an ihrer kulturellen Vergangenheitsseligkeit zu ersticken. Deshalb der Appell: Schaut nicht mehr zurück. Von Philipp Holstein

Verzeihung, aber jetzt möchte ich die alten Geschichten endgültig nicht mehr hören, jetzt muss Schluss sein mit Vergangenheit, weil: Heute ist es auch sehr schön.

Gerade ist wieder eine dieser Kulturgeschichten erschienen, die sich mit Düsseldorf und der großen Zeit beschäftigen, mit der Musik der 70er und frühen 80er Jahre, und natürlich steht auch in diesem Buch, dass David Bowie das Duo Neu! toll fand und Kraftwerk maßgeblich waren für die Entwicklung von HipHop und Techno. Das Buch heißt "Sound Of The Cities", die Autoren Philipp Krohn und Ole Löding unternehmen darin "popmusikalische Entdeckungsreisen" in 24 Städte der Welt. Sie versuchen in Bristol und Detroit, in Los Angeles und Nashville, in Paris und Stockholm das Spezifische zu fassen zu bekommen, das den Klang des jeweiligen Ortes auszeichnet.

Sie haben das gut gemacht, die kenntnisreichen und gründlich recherchierten Texte zeugen von großer Zuneigung zur Musik, von viel Engagement. Aber als Düsseldorfer liest man doch wieder, wie wichtig Conny Plank war und was Michael Rother und Jürgen Engler über damals denken. Und dann sagt auch noch Gabi Delgado, wie es einst zuging im Ratinger Hof.

FOTO: RP, Endermann

Um das klarzustellen: Das Buch ist interessant, und die Genannten sind tolle Künstler. Sie haben unfassbar viel erreicht für den Pop zu ihrer Zeit, und sie haben es geschafft, dass Musikliebhaber auf der ganzen Welt leuchtende Augen bekommen, wenn man erzählt, dass man in Düsseldorf lebt und dort nur einen Steinwurf entfernt von den Kling-Klang-Studios wohnt. Aber: Ihre Platten sind mindestens 30 Jahre alt. Unsere Stadt läuft Gefahr, in Vergangenheitsseligkeit zu ersticken und berauscht von der eigenen notariell beglaubigten Avantgarde-Vergangenheit zu verdämmern. Die Bücher "Verschwende Deine Jugend" von Jürgen Teipel und "Electri_City" von Rudi Esch haben den Mythos der Musikstadt hervorragend und endgültig abgehandelt. Das sind Klassiker der jüngeren Popgeschichtsschreibung, und ohne sie gelesen zu haben, darf man nicht mehr über Punk und Kraftwerk sprechen und all das, was danach kam. Aber jetzt soll endlich wieder Zukunft sein.

Die Autoren von "Sound Of The Cities" stehen während ihres Düsseldorf-Ausflugs irgendwann vor dem früheren "Creamcheese" in der Altstadt, wo es hoch herging, als Beuys dort noch verkehrte. Sie sind enttäuscht, denn sie sehen bloß ein "denkmalgeschützes Haus, in dem unter anderem eine Agentur für Kommunikationsdesign und eine Modelagentur sitzen".

Na, und? - möchte man da ausrufen: Dann besucht doch Stefan Schwander, der wohnt nicht so weit weg, und der wird immer besser, und neulich hat er auf einer Maxi-Single den Techno-Helden Anthony Shakir einfach an die Wand remixt. Geht zu Jan Schulte, der produziert sogar DJ-Sets für die weltweit populäre Plattform "Boiler Room" und ist eines der großen Versprechen dieser Stadt. Geht zu Christina Irrgang und Lucas Croon und hört euch an, was sie unter dem Bandnamen BAR produzieren. Geht zu Detlef Weinrich und lasst euch dessen letzte Tolouse Low Trax-Maxis auflegen. Schaut euch das Open-Source-Festival und die Konzerte bei "Elektro Müller" an, und fahrt auch nach Köln zu Lena Willikens, die zwar unterm Dom lebt, aber doch ständig im Salon des Amateurs auflegt und unsere Stadt bunt anmalt. Und bei dieser Gelegenheit kann man auch direkt und für alle Zeit Schluss machen mit diesem Köln-Düsseldorf-Mist, den abgestandenen Konkurrenz-Anekdoten, mit denen Kabarettisten und Kleinkünstler ihre Auftritte hier immer noch einleiten.

Mein Vorschlag: Im Oktober feiern wir noch einmal ausgiebig beim dreitägigen Electri_City-Kongress über Musik aus Düsseldorf. Wir schwärmen von den alten Zeiten, wir stoßen mit den ewigen Helden an und bereiten ihnen eine Bühne, denn sie haben es verdient. Im November sehen wir uns noch einmal Kraftwerk in Essen und Köln an, wir nicken einander zu, wenn sie "Trans Europa Express" aufführen, das bestmögliche Stück Musik, den Elektropop-Gral, die Quintessenz dessen, was Pop unserer Stadt zu verdanken hat.

Aber danach stellen wir die "Mensch-Maschine"-LP neben Killepitsch-Flasche und Löwensenf-Glas in den Keller und wünschen uns zu Weihnachten nur Platten von heute. 2016 lassen wir die Zukunft beginnen und machen alles neu. Über Kraftwerk würde heute niemand mehr reden, wenn sie so viel zurückgeschaut hätten wie wir.

Quelle: RP
 
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