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Düsseldorf
Else Sohn-Rethel, Thomas Mann und die Königsallee

Düsseldorf. Die Düsseldorfer Malerin und Sängerin starb 1933 - nun sind ihre Memoiren erschienen. Von Volkmar Hansen

Das waren glückliche Zeiten, als Else Rethel 1853 in eine wohlhabende Künstlerfamilie hineingeboren wurde. Aus einer sich assimilierenden und konvertierenden jüdischen Familie stammend, erlebt sie unbeschwerte Kinder- und Jugendjahre in der Kunststadt Dresden, in einem Doppelhaus in der Stadt und einer an der Elbe gelegenen Villa. Ihr Großvater August Grahl, selbst ein erfolgreicher Maler von Kleinporträts auf Elfenbein, führt ein offenes Haus, zu dem der Maler Alfred Rethel Zugang hat. Rethel darf Grahls älteste Tochter Marie zur Ehefrau nehmen. Else bleibt die einzige Tochter des Ehepaars.

Nach der kurzen Episode des Kriegs zwischen Preußen und Österreich entwickelt Else ihr Liedtalent bis zur Konzertreife. Nach dem Tod des Vaters, der zuletzt in Düsseldorf von einer unverheirateten Schwester gepflegt wird, besucht sie 1860 mit der Mutter zum ersten Mal die Stadt. 1869 wieder in Düsseldorf, um am Künstlerfest zu Ehren Schadows im Malkasten und der Errichtung des Cornelius-Denkmals teilzunehmen, wird die dunkeläugige Schönheit für die Rolle der Mignon aus Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre" als Festzuggestalt entdeckt. Die Hofgartenatmosphäre mit dem von der Hohenzollernfamilie bewohnten Schloss Jägerhof wird die Kulisse ihrer Annäherung an den acht Jahre älteren Maler Carl Sohn 1872, die zur Heirat führt.

Während Sohn bald zu einem begehrten Porträt-Maler im Umkreis der Königin Victoria aufsteigt, später auch die verwitwete Kaiserin Eugenie versorgt, gestaltet Else das selbstbewusste, auf Tätigkeit bedachte Bürgerleben, bei dem auch ein "Freigeist" wie der Intendant Carl Hoff dabei ist. Sie zieht drei Söhne und das Mädchen Mira groß; ein fünftes verliert sie kurz nach der Geburt. Sie erlebt die Anziehung Düsseldorfs für Musiker wie Franz Liszt oder Johannes Brahms, unter dessen Dirigat sie das Parzenlied aus "Iphigenie" singt.

Zuerst in einer Etage Ecke Immermann- und Charlottenstraße wohnend, kann die Familie später ein Haus in der Goltsteinstraße mit dem ersehnten Blick auf den Hofgarten erwerben. Sie reisen zu Verwandten in Berlin und Dresden, nach Paris oder Venedig, können im neugebauten Wahnfried in Bayreuth an Wagners Musik teilhaben.

Die bis in Elses vierzigstes Jahr fortgeführten Familienerinnerungen lassen ein Bild der Dynamik dieser demografisch, wirtschaftlich, sozial aufstrebenden Zeit entstehen, in der Bismarck von einem saturierten Deutschen Reich sprechen kann. Sie selbst erscheint als eine kluge Frau, die in ihrer Orientierung am Besten den Sinn für Einfachheit nicht verliert, sogar erzieherisch kultiviert. Den auch äußerlich ansprechenden, gut ausgestatteten Band hat Hans Pleschinski mit knappen Fußnoten und eingeschobenen historischen Exkursen herausgegeben, jener Erfolgsautor, dem mit dem Roman "Königsallee" ein tiefenscharfes Bild vom Düsseldorf der Nachkriegszeit gelungen ist. Dort stehen Begegnungen zwischen dem attraktiven Klaus Heuser und Thomas Mann im Mittelpunkt des Geschehens - dem Sohn von Mira Heuser, dem Enkel von Else Sohn-Rethel.

Info Unser Autor war Direktor des Goethe-Museums und lehrt an der Heinrich-Heine-Universität.

Quelle: RP
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