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Düsseldorf
Elvis und Hitler leben nun in Bielefeld

Düsseldorf: Elvis und Hitler leben nun in Bielefeld
"Kom(m)ödchen"-Ensemble bei der "Kultusminister-Konferenzschaltung": Maike Kühl, Martin Maier-Bode, Daniel Graf und Heiko Seidel (v.l.). FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. Das "Kom(m)ödchen" feierte mit seinem neuen Stück "Irgendwas mit Menschen" Premiere. Bruce Willis ist auch dabei. Von Klas Libuda

Zuletzt halten sie dann doch noch eine Rede, und das Besondere und Unerwartete ist, dass sie fast ohne Pointen auskommen. Sie stehen einfach so zu viert am Bühnenrand und sprechen zum Premieren-Publikum, als sei das die Schülerschaft bei der Abschlussfeier, die Zukunft also, um die zwei Stunden gerungen wurde. Es geht um Vertrauen, um Respekt und Akzeptanz von Lebensentwürfen, und so endet dieser Dauerfeuer-Abend im Waffenstillstand.

"Irgendwas mit Menschen" heißt das neue Stück des "Kom(m)ödchen"-Ensembles, in dem vier Welten aufeinanderprallen. Frank gehört zur neuen Rechten, Rainer seit den 80ern zur Linken, Katharina ist eine Glucke und Nils ein Träumer. Gemeinsam wollen sie eine Rede für die Abifeier ihrer Kinder schreiben, ihnen etwas mitgeben, und Rainer hat schon etwas vorbereitet: "In Zeiten von Krieg, Elend und Armut", legt er los, und Frank unterbricht ihn: "Was kommt noch? Tod? Der 1. FC Köln?"

Geschrieben haben dieses Stück wie den Vorgänger "Deutschland gucken" Dietmar Jacobs, Christian Ehring und Martin Maier-Bode, und sie haben eine Gegenwartskunde entworfen, die Regisseur Hans Holzbecher in einer Klassenzimmer-Kulisse auf die Bühne bringt. Es geht um Geschlechtergerechtigkeit und Migrationspolitik, um Subventionen und den neuen Thermomix, um Verständnis, zumeist aber um verhärtete Fronten.

Sie haben für das Stück ein unsichtbares Koordinatensystem angelegt, in das sie das Ensemble links und rechts der Y-Achse Standpunkte einzeichnen lassen. So ergeben sich Konfliktlinien: zwischen Selbstverwirklichung und Optimierung, Vernunft und Verschwörung, Solidarität und Ellenbogen. Und weil das "Kom(m)ödchen" mit Vorliebe Dauerbrenner produziert, haben sie wieder Blöcke eingewoben, die sich aktualisieren oder austauschen lassen. Sie unterbrechen dann gewissermaßen das laufende Programm für eine Durchsage, und das ist diesmal so geschickt gemacht, dass man die Nahtstellen kaum bemerkt. Höhepunkt des ersten Teils des Abends ist, als Maike Kühl, Daniel Graf, Martin Maier-Bode und Heiko Seidel die Schultische zusammenrücken und komplett aus ihren Rollen fallen, zur "Kultusminister-Konferenzschaltung". Wie die Radioreporter an Bundesliga-Spieltagen versuchen sie einander in ihrer Aufregung zu übertreffen. "Freistunde in Dortmund!" meldet Graf aus dem "bildungspolitischen Abstiegskampf".

Natürlich gehen sie hier und da auf Nummer sicher: Bildung, Digitalisierung, Adolf Hitler - das ist leichte Beute für treffsichere Pointen. Hitler lassen sie sogar in Lederhosen und Badelatschen auftreten, zusammen mit Elvis Presley. Man erfährt: Sie leben nun in Bielefeld. Anschließend gibt es eine Lektion in Sachen Verschwörungstheorien. Wissen ist der wahre Rock 'n' Roll, singt Elvis. Gesungen wird in diesem Stück übrigens dreimal. Nie wird es peinlich.

Im zweiten Teil des Abends hat sich das Quartett dann gänzlich eingespielt, das Tempo wird erhöht, die Kaliber werden größer. Islamisten, Polizisten, Populisten nimmt sich das Ensemble vor.

Schon in "Deutschland gucken" spielte Heiko Seidel einen Schnösel, nun, in "Irgendwas mit Menschen", dreht er als Autohausbesitzer Frank zuweilen völlig frei. Er ist der König von Düsseldorf, der mit den härtesten Punchlines, mit der größten Klappe. Die Rolle sitzt. Einmal rattert der Quertreiber das gesamte neurechte Vokabular runter, bis dem Kabarett-Publikum mulmig wird: Umvolkung, Lügenpresse, Merkel, Merkel, Merkel. Bis ihm der Kopf qualmt - nicht der einzige Spezialeffekt in diesem Stück. "Kurzschluss in den Grundeinstellungen", stellen die anderen fest - wenn das mal so einfach wäre.

Zumeist aber ist das ein kluger Abend über unsere Wirklichkeit, ganz selten wird es zotig wie in den Niederungen des Boulevards, nur manchmal wird's belehrend wie beim Besserwisser-Kabarett. Einschübe sind geschickt verzahnt, und ab und an spricht die Synchronstimme von Bruce Willis gottgleich Altkluges aus dem Off. Und kurz bevor man fast vergessen hat, dass es doch um die Abi-Rede geht, findet das spielfreudige Ensemble zurück und zuletzt auch zusammen. Zumindest für den Moment.

Quelle: RP
 
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