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Düsseldorf
Entflammt für "Arabella"

Düsseldorf: Entflammt für "Arabella"
Tatjana Gürbaca, 1973 in Berlin geboren, ist eine der wichtigsten Opernregisseurinnen der Gegenwart. FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. Tatjana Gürbaca war "Regisseurin des Jahres". Jetzt bringt sie im Opernhaus ihre Neuinszenierung von Richard Strauss' Oper heraus. Von Regine Müller

Tatjana Gürbaca kommt gerade von einer Bühnenorchesterprobe - im Theaterjargon kurz BO genannt - und ist aufgekratzt. Die Endproben zu "Arabella" sind in vollem Gange, sie strahlt eine Mischung aus Erschöpfung und Euphorie aus.

"Man steht total unter Adrenalin und schläft auch nicht mehr. Das ist die Phase, wo wir nonstop im Theater sind, zwischen den BOs noch leuchten und uns nachts vor einem Kostüm versammeln und über Nähte diskutieren", so schildert sie den üblichen Wahnsinn in der Woche vor der Premiere.

Beim Gespräch ist sie ständig in Bewegung, man spürt die rastlose Energie der jungen Regisseurin, um die sich die großen Opernhäuser reißen. In Zürich ist sie Stammgast seit ihrem fulminanten "Rigoletto", der auf und unter einem großen Tisch spielte, der mit einem riesigen weißen Tuch bedeckt war. In Antwerpen inszenierte sie im Wagner-Jahr 2013 einen grandiosen, hochkonzentrierten "Parsifal", dem sie die Auszeichnung als "Regisseurin des Jahres" der Fachzeitschrift "Opernwelt" verdankte. Ihre erste Arbeit für die Rheinoper, Strauss' "Salome", war dagegen umstritten. Nicht jeder wollte sich mit dem beengten Wohnzimmer auf der Bühne anfreunden, in dem Herodes der Stimme des Jochanaan am Heizkörper lauschte.

Eine Woche vor der Premiere von "Arabella" steht das Konzept natürlich längst, aber es gibt trotzdem noch viel zu tun: "Ich bin eine Regisseurin, bei der in den Endproben noch relativ viel passiert. Und ich liebe die BOs, denn dabei verschmelzen die Sänger erst so richtig mit dem Raum und ihrer Rolle."

Strauss' "Arabella" war lange Zeit nur selten auf den Spielplänen zu finden, das Stück galt als schwierig, schwer zu packen. Auch für Gürbaca stand "Arabella" nicht gerade oben auf der Wunschliste: "Als Christoph Meyer mit der Idee kam, musste ich erst mal schwer schlucken. Denn ich hatte an ,Arabella' Erinnerungen aus der Zeit, als ich Statistin war an der Deutschen Oper Berlin. Damals war ,Arabella' das Stück mit dem Kronleuchter und dem Samtsofa, schrecklich! Aber als ich mich dann mit dem Stück beschäftigt habe, war ich ziemlich schnell richtig entflammt."

Ihr Liebe gilt auch dem Text. "Hofmannsthal war auf dem Zenit seines Schaffens, und es ist faszinierend, wie Strauss die Scharfzüngigkeit Hofmannsthals dann noch um ein Sehnsuchtspotenzial erweitert. Es sind sehr reiche und echte Charaktere, und das Ganze ist eine Wanderung auf dem schmalen Grat zwischen Komödie und Tragödie."

Das Bühnenbild verrät wenig: weiße Wände, Kargheit. Wo bleibt das Wiener Lokalkolorit? "Das braucht es nicht. Der ,Arabella'- Stoff ist total zeitlos. Es geht um Schein und Sein, um das Hochkämpfen in einer Gesellschaft der bröckelnden Fassaden. Ich verorte die Handlung in keiner konkreten, eher einer geträumten Realität nahe der Jetztzeit. Und für uns ist wichtig, dass alles an öffentlichen Orten stattfindet, nämlich in einer Hotel-Lobby. Wir haben versucht, einen Raum zu schaffen, in dem die Figuren sehr ausgestellt sind und nichts ablenkt von den Verhältnissen zwischen den Figuren."

Gürbaca ist berüchtigt für ihre psychologische Präzision und für überraschende Bilder von komplexen inneren Vorgängen. Als "Arabella" in der vergangenen Spielzeit in Köln herauskam, war die Bühne quasi umstellt von Metaphern der Entstehungszeit um 1933 und den drohenden Katastrophen der Nazizeit. Kann man diesen politischen Kontext auch ignorieren? Gürbaca: "Ich weiß nicht, ob man dem Stück etwas Gutes tut, wenn man Nazi-Uniformen auf die Bühne holt. Ich sehe meine Aufgabe als Regisseurin eher darin, etwas zu schildern, was wir in unserer Zeit wiedererkennen. Ich befrage ein Stück lieber danach, wo das Allgemeingültige zu finden ist. Und das sind in der ,Arabella' vor allem vier starke Frauenfiguren, die nach Freiheit suchen in einer Gesellschaft, in der alles nach gesellschaftlichem Aufstieg und Wohlstand giert."

Quelle: RP
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