| 18.33 Uhr

Düsseldorf
Erinnerungen an Pina Bausch im Tanzhaus NRW

Düsseldorf. Pina-Bausch-Tänzer Dominique Mercy und Pascal Merighi waren zu Gast im Tanzhaus NRW und begeisterten das Publikum. Von Marion Meyer

Gnadenlos ist das Licht der Neonröhre: An den nackten Oberkörper gehalten, offenbart es alle Falten, alle Unebenheiten, die ganze Vergänglichkeit der mittlerweile 65-jährigen Haut von Dominique Mercy. "Das bin ich", sagt der Tänzer, eine der Protagonisten der ersten Stunden des Tanztheaters Wuppertal und langjähriger Weggefährte Pina Bauschs. Es geht um Alter und Jugend, Tod und Vitalität, und die Zeit, die unaufhaltsam verrinnt.

Pascal Merighi, ebenfalls langjähriges Wuppertaler Ensemblemitglied, hat für seinen ehemaligen Kollegen Mercy ein ergreifendes Solo geschaffen. In "That Paper Boy" balanciert Mercy, als stünde er auf einem Drahtseil. Die Papiere, die er in den Händen hält, sind vollgeschrieben. Mit Erinnerungen? An ein langes Tänzerleben? Denn immer noch steht der Franzose mit dem melancholischen Lächeln auf der Bühne, tanzt seine Soli in den Stücken Pina Bauschs. Nach ihrem Tod hat er von 2009 bis 2013 als künstlerischer Leiter die Geschicke der Compagnie sogar mitbestimmt.

Dann wieder steht Dominique Mercy minutenlang einfach nur da, blickt ins Publikum. Auf einer Leinwand im Bühnenhintergrund wird sein Porträt groß übertragen. Bild und Abbild eines Tänzers, ein Mensch, der sich durch Darstellung definiert, ein Thema, das das Bühnenleben Mercys auf den Punkt bringt. Denn ohne Publikum gäbe es keine Notwendigkeit, sich zu definieren, kann man einmal auf der Bühne lesen, "I become irrelevant". Dann wieder tanzt Mercy kurze Passagen, lässt die Arme kreisen wie die Zeiger einer Uhr, deutet mit den Händen Hasenohren an, was sofort Assoziationen an Stücke von Pina Bausch weckt, die Mercy maßgeblich mitentwickelt hat.

Merighi assisiert Mercy, reicht ihm Brille und Papier, gesellt sich auch mal kurz tanzend zu ihm: Jung und Alt in schönstem Einklang.

Gegen das nachdenkliche, wehmütig stimmende Solo von Dominique Mercy fällt der etwas konstruiert wirkende zweite Teil des Doppelabends etwas ab. Merighi setzt sich selbst mit seinen Soli in verschiedenen Stücken Pina Bauschs auseinander, variiert Bewegungsfolgen, setzt sie neu zusammen zu einem Experiment mit dem eigenen Ich.

Zu treibenden Beats, dann wieder zu Alltagsgeräuschen, durchmisst Merighi den Raum, schlägt halbe Räder, dreht sich am Boden, rappelt sich wieder auf, ein körperlicher Kraftakt. Zwischendurch gibt er kurze Einblicke in Bühnenabläufe, wie er sich vor dem Auftritt in den Kulissen in Spannung bringt, wie das Kostüm aussehen muss. Bei "Wiesenland": Hemd in der Hose. Bei "Für die Kinder" die Hemdärmel rauf oder runter – "je nach Stimmung". "WAK.NTR Rehab." nennt sich die Selbsterkundung, bezugnehmend auf die Anfangsbuchstaben von Bausch-Werken wie "Wiesenland", "Áqua" und "Néfes". Ob Merighis Stück, das offenbar anhand von Zahlenreihen die Phrasen neu ordnet, für ihn eine Art Reha sein soll, bleibt offen.

 
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