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Düsseldorf
"Erstarrung ist niemals gut"

Düsseldorf: "Erstarrung ist niemals gut"
Bodo Kirchhoff FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Bodo Kirchoff, Sieger des Deutschen Buchpreises, liest am Donnerstag in Düsseldorf aus seiner Novelle "Widerfahrnis". Von Lothar Schröder

Er hat hierzulande die beste Prosa dieses Jahres geschrieben, so die Jury des Deutschen Buchpreises. Morgen liest Bodo Kirchhoff (68) aus seiner Novelle "Widerfahrnis" - eine Liebes- und Flüchtlingsgeschichte im Kuppelsaal der Deutschen Bank an der Kö.

Ist das nicht komisch, dass eine Novelle als bestes Buch des Jahres gekürt wird, in der von Büchern als aussterbende Gattung erzählt wird?

Kirchhoff Sagen wir es mal so: in der zumindest die Gefahr besteht - das ist richtig. Wobei ja derjenige, der das schreibt, in der Hoffnung lebt, es könnte doch anders sein, sonst würde er es ja nicht schreiben. Letzten Endes wird doch jeder, der schreibt, von dieser Hoffnung getragen, zwar nicht den Trend gegen das Buch aufzuhalten, doch ihm wenigstens etwas entgegenzusetzen. Jeder will zeigen: Es gibt noch das Buch! Es gibt noch die Sprache! Es gibt noch die Erzählung!

Aber fühlen sich die, die die Buchkultur kompromisslos verteidigen, nicht manchmal auch in der Heldenrolle?

Kirchhoff Nein, man fühlt sich eher in der Außenseiterposition, wenn man das macht. Für mich ist das aber keineswegs etwas Neues. Schon im Internat war ich mit meinen Interessen für Literatur ein Stück weit außen vor. Wie man weiß: Im Leistungskurs Deutsch sitzt immer nur ein Junge. Und meist ist das ein Junge, über den die Mädchen lächeln. Neu ist vielleicht die Dominanz der Dinge, mit denen sich die Leute stattdessen beschäftigen. Wenn man in der U-Bahn mit seinem Buch sitzt und alle anderen auf ihr Smartphone starren, dann hat das schon etwas Außenseiterisches.

Ist Italien, wohin Ihr Liebespaar spontan aufbricht, immer noch das Sehnsuchtsland der Deutschen?

Kirchhoff Das glaube ich nicht. Heute macht man Kreuzfahrten. Italien ist höchstens für feinsinnigere Menschen noch ein Ziel.

Warum wird in Ihrer Novelle eigentlich ständig geraucht?

Kirchhoff Es wird so viel geraucht, um nicht so viel reden zu müssen. Zum einen gehörte das Rauchen zu meinen jüngeren Jahren sehr dazu; zum anderen hat einem die Pantomime des Rauchens viel erspart. Man musste sich nicht viel sagen und kam sich dennoch näher.

Über den Titel "Widerfahrnis" hat schon halb Deutschland gegrübelt. Was ist denn der Unterschied zum Schicksal?

Kirchhoff Schicksal ist für mich etwas Prozesshaftes. Die Widerfahrnis aber ist für mich ein zeitlich sehr beengtes Ereignis.

Es gibt für mich zwei zentrale Bewegungen in Ihrer Novelle. Die eine macht das Liebespaar in einem schicken 3er BMW Cabrio, die andere machen die Flüchtlinge, die in ihrem Existenzkampf schließlich in Italien landen.

Kirchhoff Das ist völlig richtig; es gibt zwei gegenläufige Bewegungen. Wobei sich die Flüchtlinge durchs offene Land bewegen, für die ist praktisch alles ein Carbio. Aber diese Idee hat mich grundsätzlich sehr beschäftigt.

Dann spielen Türen eine Rolle, durch die man jemand hereinlassen und damit neue Erfahrungen machen kann. Auf die deutsche Gegenwart bezogen: Hat Deutschland - vor dem Hintergrund der Flüchtlingsproblematik - zu lange hinter geschlossenen Türen gelebt?

Kirchhoff Halt; ich habe immer Sorgen vor Sonntagsworten. Klar ist nur eins: Wer seine Tür für andere öffnet - das meint auch für jede Freundschaft, Ehe, Familie -, für den ändert sich immer das Leben. Ich kann nur auf mir selbst beharren, wenn ich in meinem Käfig alleine bleibe. Das ist eine grundlegende Erfahrung; in dem Moment, in dem ein anderer mein Leben betritt, wandelt es sich. Von daher ist die Aussage, dass sich Deutschland nicht ändern wird, natürlich falsch.

Ist Änderung an sich immer gut?

Kirchhoff Schwer zu sagen. Man kann lediglich sagen: Erstarrung ist auf keinen Fall gut. Ob aber auch jede Änderung nützlich ist, das weiß man nicht. Wohin alles am Ende führt - in Deutschland und in meiner Novelle - ist am Ende offen. Erstarrung führt zu nichts mehr, das andere führt wenigstens zu etwas.

Ein anderes Motiv von "Widerfahrnis" - was bedarf es, um glücklich zu sein?

Kirchhoff Eine gewisse Grundbescheidenheit. Man darf sich keine absurden Maßstäbe setzen. Wenn mir zum Lebensglück eine 30 Meter lange Yacht fehlt, werde ich mein Leben lang unglücklich sein. Ganz wichtig für das Glück ist aber auch die richtige Balance zwischen einigen Menschen.

Quelle: RP
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