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Düsseldorf
Fotokunst aus Düsseldorf

Düsseldorf: Fotokunst aus Düsseldorf
Candida Höfer, "Palais Garnier Paris VII 2004" FOTO: Candida Höfer, VG Bildkunst Bonn
Düsseldorf. Die Künstler aus der Becher-Klasse sind weltberühmt. Ein opulenter neuer Bildband belegt ihren enormen Einfluss. Von Annette Bosetti

Die eine, Simone Nieweg, zeigt menschenleere Kohlfelder. Die andere, Candida Höfer, bietet Raumstudien unter besonderer Dramaturgie des Lichts an. Axel Hütte erwählte noch vor seinem Kommilitonen Thomas Ruff das Porträt zum Sujet. Doch während es Ruff zur breiten Anerkennung verhalf, verwarf es Hütte und schwenkte auf Landschaft, Stadt- und Naturansichten um. Petra Wunderlich zeigt ähnlich wie Thomas Struth Häuserreihen und Straßenabschnitte; während Wunderlich ausschließlich in Schwarz-Weiß arbeitet, zieht Struth mit Farbe und neuen Ideen den meisten seiner Kollegen davon.

Man sieht gleich: Es geht um die Becher-Klasse. Ein ganzes so umfangreiches wie reich bebildertes Buch widmet sich dem Phänomen in einer aktualisierten Neuauflage. Seit dem Bauhaus habe keine deutsche Kunstrichtung weltweit eine solche bedeutende Ausstrahlung entfaltet, schreibt der Verleger Lothar Schirmer. Die Fotokünstler aus Düsseldorf lieferten Qualitätskunst, sie hätten den Quantensprung vom Albumfoto zum Wandbild vollzogen. Durch sie sei die Fotografie erst erwachsen geworden, schreibt er in seinem Vorwort.

In dem 320 Seiten umfassenden Bildband kommt die Vielfalt der Düsseldorfer Photoschule durch Reihung von 332 Abbildungen deutlich zum Ausdruck. Vier Jahrzehnte umfassen diese Bilder. Der eine Fotograf erzielt heute Preise in sechsstelliger Höhe auf dem Kunstmarkt, der andere vielleicht nur einen Bruchteil davon. Die maßgeblichen Künstler werden auf elf Positionen zusammengefasst und kunstsinnig von Stefan Gronert gewürdigt. Im Anhang des Standardwerkes folgen sorgfältig zusammengestellte Bio- und Bibliografien.

Alle sind sie Absolventen der Düsseldorfer Akademie, haben bei Bernd Becher studiert, der 1976 die erste Professur für künstlerische Fotografie an einer deutschen Akademie antrat. 20 Jahre war der Künstler ein leidenschaftlicher Lehrer. Seine Klasse, die er unter hoher Präsenz seiner Frau und künstlerischen Partnerin Hilla Becher führte, war eine Talentschmiede. Nichts von der dokumentarischen Fotografie, für die die Bechers berühmt geworden sind, wurde von dem Nachwuchs erwartet. Es wurde auch nichts großartig erklärt. Das berichten die Meisterschüler.

Wenn allerdings Bernd Becher etwas missfiel, so hört man, dann wurde eine Arbeit mit radikaler Missachtung gestraft. Einzelne Vertreter haben vielleicht gerade deshalb in Nachfolge ihres Lehrers die Entwicklung der Fotografie besonders innovativ vorangetrieben. Neue Motive, Techniken, Formate. Auch die Art der Präsentation von Foto-Kunst wurde optimiert durch eine neuartige Rahmung: im Dia-Sec-Verfahren wird Papier ohne Zwischenraum mit Plexiglas verschweißt.

Die Bechers bezogen die Studenten in künstlerische Prozesse und in ihr Leben mit ein, diskutierten an vorhandenen Arbeiten über Licht, Perspektiven und Motive. Bis in die Nacht tagte und feierte man bei ihnen zu Hause in der alten Schule von Kaiserswerth, in geselliger Runde oder in den Szenelokalen jener Jahre. Grundsätzlich waren sich die Schüler selbst überlassen in ihrer Entscheidung, welchen Weg sie gehen wollten. Das reizten sie aus, der eine mehr als der andere.

An der Spitze stehen heute neben Candida Höfer die drei bekanntesten Vertreter der Düsseldorfer Photoschule, Thomas Struth, Thomas Ruff und Andreas Gursky, die dank ihrer US-Ausstellungspräsenz sich den Gruppennamen Struffskys einfingen. Sie entfernten sich weitgehend von dem Dokumentarismus des Lehrers, und sie distanzierten sich stilistisch voneinander. Sie inszenierten und manipulierten, sie digitalisierten und griffen artifizielle Themen wie mathematische Kurven, astronomische Daten oder auch Thumbnails (Vorschaubilder) aus dem Netz auf. Am Ende wirkte ein Foto, etwa bei Andreas Gursky, sogar wie ein Gemälde, durch das XXL-Format dem Tafelbild nicht unähnlich.

Die Düsseldorfer Photoschule hat das klassische Verständnis von Fotografie revolutioniert und ist doch nicht aus dem Nichts entstanden, sondern hatte in der neuen Sachlichkeit ihre Vorläufer. Uneinig ist man sich noch in der Bewertung, schreibt der Autor: Ist die Düsseldorfer Photoschule mit ihren drei Generationen als abgeschlossen zu betrachten oder führen junge Studenten von heute (Andreas Gursky lehrt freie Kunst an der Akademie) das Genre in eine neue Zukunft?

Unerklärlich bleibt - das nur als Fußnote -, dass der Autor dieses Buches die Erfindung des Großformates in der Fotografie Günther Förg Anfang der 1980er Jahre zuschreibt. Die in Düsseldorf lebende Künstlerin Katharina Sieverding hat nach eigenen Angaben bereits 1976 großformatige Fotoarbeiten entwickelt. Sie ist zwar keine Becher-Schülerin, aber sie tat dies zeitgleich mit Jeff Wall in den USA.

Quelle: RP
 
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