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Tom Schilling
Früher war er Punk

Düsseldorf. Tom Schilling & The Jazz Kids heißt die Band des 34-jährigen Schauspielers, mit der er heute Abend in Düsseldorf auftritt.

Jetzt macht er also auch noch Musik: Der Schauspieler Tom Schilling ("Oh Boy") hat eine Band gegründet, mit der er nun auf Tournee ist. Sie klingen ein bisschen wie Nick Cave auf Deutsch: flirrende Gitarren und Sprech-Gesang. Vor dem Auftritt in Erlangen meldet sich der 34-Jährige übers Mobiltelefon. Er ist in der Stadt unterwegs, im Hintergrund sind Bauarbeiter und Presslufthammer zu hören. Nächste Tour-Stopps: Erfurt, Mainz, Düsseldorf - stets kleine Bühne. Die Band steht ganz am Anfang.

Sie sind als Schauspieler bekannt und machen jetzt Musik. Wie kommt's?

Schilling Ich hatte immer schon eine große Liebe zur Musik und zum gesprochenen und gesungenen Wort. Ich habe immer komponiert und jetzt eine Band gefunden, mit der ich das zeigen kann.

Bringen Schauspieler etwas für die Musik mit?

Schilling Als Schauspieler bin ich ein Geschichtenerzähler, und das bin ich als Sänger auch. Aber die Leute beschweren sich trotzdem immer und sagen, jetzt macht der auch noch Musik. Dabei haben viele Musiker noch einen anderen Beruf. Der eine ist Bäcker, der andere arbeitet bei einer Versicherung, ich bin Schauspieler. Im Prinzip kann jeder Musik machen.

Haben Sie denn eine Band gesucht oder hat es sich ergeben?

Schilling Es hat sich glücklich gefügt. Ich habe vor fünf Jahren schon mal in einer anderen Konstellation Musik gemacht, aber kurz vor der Veröffentlichung die Reißleine gezogen, weil es mir entglitten ist. Es war nicht das, was ich mir vorgestellt hatte.

Woran lag es?

Schilling Es lag daran, dass es die falsche Konstellation war. Musik ist kein demokratischer Prozess, es muss jemanden geben, der die Ansagen macht, und damals war das nicht ich. Danach habe ich die Musik erst einmal aufgegeben. Beim Dreh zu "Oh Boy" habe ich dann die Musiker kennengelernt, die die Filmmusik eingespielt haben. Wir haben uns angefreundet und entschieden: Wir probieren das mal. Ihr könnt gut spielen und habt Geschmack, ich habe die Songs, und jetzt sind wir die Jazz Kids.

Worauf kommt es bei einer guten Band an? Dass man gut spielen kann oder eine Bande ist?

Schilling Eine Gang zu sein, ist sehr wichtig, Spannung aber auch. Man muss sich nicht immer gut verstehen, das kann auch Kreativität freisetzen.

Bislang ist wenig über Ihre Band bekannt. Nicht mal in Ihrem Wikipedia-Eintrag ist etwas darüber zu lesen.

Schilling Eine Band existiert erst, wenn man eine Platte veröffentlicht hat, und das haben wir nicht. Wir sind Ende Oktober mit Moses Schneider im Studio, der die letzten Tocotronic-Alben aufgenommen hat. Das ist der Meister der Live-Aufnahmen. Darum gehen wir jetzt erst einmal auf Tournee, damit wir dann gut zusammen klingen.

Hatten Sie früher mal eine Schülerband?

Schilling Nie. Ich bin ja schon mit zwölf ins Theater- und Filmgeschäft eingestiegen. Das wurde immer an mich rangetragen, auch von meiner Mutter, mal zum Vorsprechen zu gehen, das habe ich mir nicht ausgesucht. Musik habe ich nur gehört, aber nie gemacht. Als Jugendlicher wollte ich Maler werden.

Sie haben also nie ein Instrument gelernt?

Schilling Ich konnte ein bisschen Klavier spielen, weil ich in der Schule einen Keyboard-Kurs hatte. Mit 20 habe ich von meinem besten Freund eine Gitarre geschenkt bekommen und mir die Grundlagen beigebracht. Dann habe ich angefangen, Klavier zu spielen und zu komponieren. Der Wunsch nach einer Band wurde so immer größer, weil die Songs irgendwie gut waren, fand ich.

Was war das Erste, das sie auf der Gitarre gelernt haben?

Schilling "House Of The Rising Sun".

Ein echter Klassiker für Gitarrenanfänger, so wie "Smoke On The Water" von Deep Purple oder "Smells Like Teen Spirit" von Nirvana.

Schilling Nirvana finde ich toll, aber ich war nie ein Grunge-Fan. Ich habe selten eine E-Gitarre gespielt. Ich spiele eher eine Wandergitarre.

Stimmt es, dass sie früher mal Punk waren?

Schilling Es gab eine Zeit, in der ich mir die Haare abrasiert habe . . .

. . . hatten Sie einen Irokesenschnitt?

Schilling Nee, ich hatte nur noch einen Zopf am Hinterkopf, ich sah aus wie ein Shaolin-Mönch. Ich wundere mich bis heute, dass meine Eltern gar nichts gesagt haben. Die haben das einfach hingenommen. Ein Schulfreund hat mir das dann immer nachrasiert.

Wie lange ging das so?

Schilling Nur für ein, zwei Jahre. Wir waren natürlich extrem links. Ich bin aber nie bei Demonstrationen mitgelaufen, das hätten mir meine Eltern nicht erlaubt. Ich habe auch nicht die klassische Punkmusik gehört.

Was war Ihr erstes großes Ding?

Schilling Meine erste musikalische Erfahrung war Leonard Cohen im Auto meiner Eltern, die hatten das auf Kassette aufgenommen. Mein musikalisches Erweckungserlebnis hatte ich mit Nick Cave. Ich weiß noch, wie mir eine Freundin das Album "Your Funeral, My Trial" zeigte. So etwas Tieftrauriges und Intensives hatte ich noch nie gehört. Ich bin mit dem Gefühl nach Hause gegangen, dass ich jetzt ich bin. Mit Nick Cave endete dann auch meine Punk-Zeit, und ich habe mir die Haare schwarz gefärbt.

KLAS LIBUDA FÜHRTE DAS INTERVIEW.

Quelle: RP
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