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Düsseldorf
Gilgamesch-Epos auf Sand gebaut

Düsseldorf. Mit dem uralten Epos über den Herrscher Gilgamesch eröffnet das Schauspielhaus am Donnerstag seine erste Spielzeit unter neuer Intendanz. Roger Vontobel inszeniert - und hat jede Menge Sand ins Theaterzelt an der Kö schaufeln lassen. Von Dorothee Krings

Sie haben Dehnübungen gemacht auf nackten Füßen im Sand, haben die Muskeln gestreckt, die Beine geschüttelt, ihre Körper vorbereitet auf eine lange Reise. Jetzt wird es dunkel im Zelt. "Einlass beendet", ruft Roger Vontobel vom Regieplatz. Die Darsteller proben den ersten Gang in die Manege, die hier kein tiefergelegtes Rund ist, sondern ein Hügel aus hellem Erdreich. Später werden die Schauspieler über den weichen Grund schreiten, werden in schwarze Plastikeimer greifen, aus der Faust weißen Sand auf den Boden rieseln lassen, als markierten sie eine Grenze. Oder das Verrinnen der Zeit.

Staub wird aufsteigen, und das wird aussehen wie Nebel aus uralten Tagen. Und dann wird die Rede sein von Gilgamesch, dem Hünen, dem Helden und sumerischen Herrscher. Worte, die vor mehr als 3000 Jahren in Lehmtafeln geritzt wurden. Weil sie den Menschen kostbar waren - ein Schatz aus Geschichten.

"Es geht in diesem Epos um die Läuterung eines Herrschers vom Tyrannen zum guten Machthaber, von einem, der nur um sich kreist, dem damit langweilig wird und der nach Sinn sucht", sagt Roger Vontobel, "eigentlich also eine Figur wie wir sie heute gut kennen." Der gebürtige Schweizer, der einer der neuen Hausregisseure des Schauspielhauses ist, wird mit seiner Inszenierung des ältesten Stoffes der Weltliteratur am nächsten Donnerstag die Auftaktspielzeit des neuen Intendanten Wilfried Schulz eröffnen. Im Zelt, dem Provisorium mitten in der Stadt. "Ich finde das toll, trotz aller technischen Herausforderungen", sagt Vontobel, "in einem angestammten Theater lastet viel Tradition auf jedem Neubeginn. Wir machen Tabula rasa, spielen an einem neuen Ort, das fühlt sich an wie Festival." Noch steht die neue Spielstätte am Anfang der Kö geschützt hinter einem Bauzaun. Bagger sind aufgefahren. Mit ihrer Hilfe wurden die Sandberge in das Zelt geschafft, aus denen Vontobel und seine Darsteller Gilgameschs Reich formen. Freilegen, könnte man auch sagen, denn wie Archäologen werden sie sich in immer neue Schichten vorgraben. Und der Sand wird sich verändern, wird feucht werden, sich in Lehm verwandeln, den Schauspielern Widerstand leisten. "Mir war gleich klar, dass ich diesen archaischen Stoff über die Körper der Darsteller erzählen muss", sagt Vontobel, "ich wollte, dass es ein Kraftakt wird." Auch gefiel ihm, dass auf dem Corneliusplatz vor kurzem tatsächlich noch gegraben wurde, als für die U-Bahn Erdmassen bewegt wurden. Für den Regisseur ist das Theaterzelt also kein Zirkus, sondern Dach einer Ausgrabungsstätte.

Ein Kraftakt ist seine Inszenierung nun auch für den gesamten technischen Apparat des Schauspielhauses geworden, denn der muss die provisorische Spielstätte von Containern aus versorgen. Dazu ist die Akustik im Zelt eine Herausforderung, und die Schauspieler sprechen ohne Verstärkung. "Es ist ein bisschen wie beim Campen, man muss auf engstem Raum miteinander zurechtkommen", sagt der Regisseur, "das schweißt auch zusammen."

Vontobel, 1977 geboren, gehört zu jener jüngeren Regisseurgeneration, die Stoffe auf ihren psychologischen Gehalt befragen und dabei gesellschaftliche Phänomene ihrer Gegenwart im Blick haben. Auch wenn sie es mit so alten Texten zu tun bekommen wie dem Gilgamesch-Epos. Bereits seine ersten Inszenierungen, etwa am Grillo-Theater in Essen, wurden vielfach ausgezeichnet. Zuletzt war er Hausregisseur bei Anselm Weber in Bochum. Doch auch mit Schulz verbindet ihn eine lange künstlerische Zusammenarbeit, für ihn inszenierte er unter anderem in Dresden Schillers "Don Carlos" und wurde zum Berliner Theatertreffen eingeladen. "Für mich sind beständige Beziehungen am Theater sehr wichtig", sagt Vontobel, der vor wenigen Monaten zum dritten Mal Vater geworden ist und in Bochum lebt, "ich kenne die meisten Darsteller schon aus anderen Arbeiten, wir haben Vertrauen zueinander, das hat auch mit gemeinsam verbrachter Lebenszeit zu tun, Theater ist eben kein Fast Food."

Zu Beginn seiner Laufbahn hat Vontobel viel mit Videos gearbeitet, hat mit den Mitteln der neuen Medien experimentiert. Bei Gilgamesch setzt er dagegen auf die Wirkung der Ursprünglichkeit, auf Sand, der staubt, riecht, sich in Schlamm verwandelt und einen Text erfahrbar macht. "Ich will das Gemachte am Theater zeigen", sagt Vontobel, "es geht eben nicht um die perfekte Illusion oder Effekte wie in einer Fantasyserie, sondern um Menschen, die sichtbar in eine Rolle schlüpfen und durch das, was sie tun, auf ihr Menschsein zurückgeworfen werden." Gilgamesch wird in fremde Lande aufbrechen, er wird brutale Kämpfe durchstehen und irgendwann begreifen, dass es nicht darauf ankommt, sich selbst zu beweisen, sondern durch sein Handeln für andere zu bestehen. Gilgamesch wird als erster Herrscher eine Mauer um sein Reich ziehen, einen Schutzwall, der ihm Ruhm eintragen wird. Man erzählt sich davon bis heute.

Quelle: RP
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