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Conrad Wiedemann
"Goethe-Sammlung ist phänomenal"

Düsseldorf. Das Düsseldorfer Goethe-Museum feiert heute sein 60-jähriges Bestehen. Der Festredner und Berliner Literaturhistoriker hofft, dass gerade in der Landeshauptstadt der Dichterfürst vitalisiert und ein guter Streit über ihn entfacht werden könnte. Von Lothar Schröder

Das Goethe-Museum und die Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung feiern heute 60-jähriges Bestehen. Das Jubiläum steht indes unter dem Vorzeichen von viel diskutierten Überlegungen, aus Kostengründen möglicherweise einen neuen Standort für das Haus zu finden. Dabei wurden Fragen laut, was Goethe überhaupt mit Düsseldorf zu tun habe. Sehr viel, sagt der Berliner Germanist Conrad Wiedemann, der in der Feierstunde im Schloss Jägerhof die Festrede halten wird.

Goethe ist 1832 gestorben; seit wann ist er denn wirklich tot?

Wiedemann Als Literaturwissenschaftler darf ich getrost sagen: Er ist überhaupt nicht tot. An den deutschen Universitäten wird er lebhaft beforscht und in den 94 Ländern, in denen es ein Goethe-Institut gibt, ist er der Inbegriff deutscher Kultur. Man muss allerdings zugeben, dass seine akademische Erforschung kaum die Öffentlichkeit erreicht und seine Lobby im deutschen Kulturbetrieb und Feuilleton nicht sonderlich stark ist. Rüdiger Safranskis Biografie und Albrecht Schönes Brief-Buch sind zwar Bestseller, aber das reicht nicht.

Woran liegt das?

Wiedemann Man muss leider davon ausgehen, dass in unserer ästhetischen Wahrnehmung das Bild das Wort überholt hat und viele Deutsche ihre Geschichte nicht mögen. Trotzdem gibt es wohl Leser genug, denn Goethe hat wunderbar bildhaft geschrieben und nicht etwa spekulativ und abstrakt. Was fehlt, ist die Bereitschaft, mit ihm und über ihn zu streiten. Gäbe es diesen Streit, wäre er sehr aufschlussreich für unsere eigene kulturelle Befindlichkeit.

Was heißt das konkret? Was hätte uns Goethe heute zu sagen?

Wiedemann Ich übergehe seine nach Silicon Valley weisende Wissenschaftskritik im "Faust" und sein lebenslanges Ankämpfen gegen unsere Entfernung von der Natur. Leichter zugänglich ist wohl sein leidenschaftliches Plädoyer für das Recht auf die je eigene Lebensgestaltung. Voraussetzung dafür war die damalige Entdeckung der Individualität. Das Ideal der Aufklärung war die Selbstbestimmung durch die urteilende Vernunft. Bei Rousseau und Goethe verbindet sich diese Vernunft mit der Individualitätserfahrung, die uns quasi schon genetisch voneinander separiert und je andere Wege der Selbstverwirklichung verlangt. In der Sprache der Zeit klang das viel einfacher: Werde, der/die du bist! Oder anders gesagt: Die Natur hat dich so gewollt und so in die Welt geschickt - jetzt mach etwas daraus. Ich wüsste nicht viel, das in der heutigen Gesellschaft aktueller wäre.

Haben wir Goethe in den vergangenen Jahren möglicherweise viel zu stark musealisiert, so dass wir ihn allenfalls als Klassiker und nicht mehr als eine gegenwärtige Stimme wahrnehmen?

Wiedemann Erlauben Sie, dass ich einen Blick auf die Entstehungsgeschichte des Düsseldorfer Museums werfe. Es gibt ja konkurrierende Museen in Weimar und Frankfurt, deren Ausgangspunkt beide Male die lokalpatriotische Huldigung ist. Die Entstehung des Düsseldorfer Hauses scheint mir eigentlich viel interessanter. Ihre Basis ist eine phänomenale Privatsammlung, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden ist, - also während zweier Weltkriege, der Weltwirtschaftskrise und der Naziherrschaft. Dass die Düsseldorfer Stadtväter zu Beginn der 50er Jahre diese Sammlung in die Stadt geholt haben, also zu einem Zeitpunkt, in dem das moralische Bild von Deutschland ruiniert war und neu aufgebaut werden musste, ist für mich eine viel solidere und überzeugendere Begründung als der liebenswerteste Lokalpatriotismus.

Und da spielt es auch keine Rolle, dass der Dichterfürst Goethe nur zu Kurzbesuchen die Stadt Düsseldorf aufsuchte?

Wiedemann Sowohl die Sammlung als auch die Gründung sind aus kulturpolitischen Aktualitäten, um nicht zu sagen: Erschütterungen, entstanden. Touristische Aspekte, die heute vielleicht eingefordert werden, gehören nicht dazu. Der neue Hausherr in Schloß Jägerhof hat das Aktualitätsargument aufgenommen und den Vorschlag gemacht, die öffentliche Diskussion um das Goethebild des 21. Jahrhunderts in das Haus zu ziehen. Das wäre, wenn es gelingt, die Wiederkehr des Streits und damit der Anfang vom Ende der Lethargie. Nichts schiene mir wünschenwerter.

Quelle: RP
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