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Düsseldorf
Goethe und das närrische Treiben

Düsseldorf. Ordnung und Klarheit - dafür steht Goethe, nicht aber der Karneval. Und doch gibt es eine Verbindung zwischen Dichter und Fest. Von Carolin Skiba

Wer Goethe kennt, der weiß, dass er für Ordnung, Würde, Humanität und Klarheit steht - denn dafür steht auch die Klassik. Nie würde man ihn im Karneval verorten. Zeichnet sich das jecke Treiben doch bekanntlich durch alles aus, was der Klassik zuwider ist. Aber es gibt sie, die Verbindung von Goethe und dem Karneval.

Nicht viele haben sich bisher für diese Verbindung interessiert. "Ich glaube, die Philologen, die sich mit Goethe beschäftigen, haben nicht unbedingt viel mit Karneval gemein", vermutet Christof Wingertszahn, Direktor des Goethe-Museums. Er, der ursprünglich aus dem Saarland kommt, also selbst kein rheinischer Narr von Geburt an ist, sei vom hiesigen Karneval beeindruckt gewesen. Und stellt kurz darauf fest, dass Goethe es ebenfalls war.

Höchste Zeit, diesen recht unbekannten Teil Goethes Lebens zu beleuchten. Entstanden ist eine Ausstellung mit vielen, teils noch nie öffentlich gezeigten Exponaten, die bis zum Aschermittwoch im Goethe-Museum zu sehen ist. Sie gibt einen Eindruck, wie der Dichter zum Karneval kam, wie er ihn empfunden hat.

Positiv war sein erster Eindruck nicht. Zwar hatte der junge Goethe viel übrig für das Verkleiden, volkstümliche Komik und große Feste. Schließlich war die Frage nach der eigenen Identität eines der Hauptthemen des Dichters, der sogar einmal über sich sagte, er gleiche einem Chamäleon. "Er liebte es, Maskenbälle zu besuchen, bezeichnete sich sogar einmal als Fassnachts Goethe", sagt Wingertszahn. Doch waren diese Maskenbälle vornehmlich der feinen Gesellschaft vorbehalten. Mit dem Volkskarneval in Rom, den er 1786 erleben sollte, war das nicht zu vergleichen.

So empfand Goethe das karnevalistische Treiben zu Anfang auch als störend und bedrohlich. Wingertszahn: "Ein genialischer junger Dichter war nicht fasziniert, er war entsetzt über den Lärm und das Gedränge." Goethe weilte in Rom, um sich zu bilden. Das Schöne des Individuums ging seiner Meinung nach in dem Trubel der Masse verloren. "Wenn er nachts den Mond betrachten wollte, störten ihn die vielen Menschen auf den Straßen."

Seine Einstellung zum Karneval beschreibt schon eine Situation auf dem Weg nach Rom. "In Venedig will er sich einen Tabarro, einen schwarzen Karnevalsumhang, kaufen. Er entscheidet sich aber dann doch lieber für ein Buch des Architekten Vitruv." Die Begründung: Das Buch werde ihm auch außerhalb Venedigs und nach dem Karneval Freude bereiten.

Die Zurückhaltung änderte sich erst ein Jahr später. "Als er bemerkte, dass Sinn dahinter steckt, weil das Fest vom Volke ausgeht", weiß Wingertszahn. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1789 beschreibt der Dichter in seiner Studie des römischen Karnevals "ein Fest, das dem Volke eigentlich nicht gegeben wird, sondern das sich das Volk selbst gibt". Wingertszahn: "Er hat gemerkt, dass hinter dem ungebärdigen Treiben eine Ordnung steckt." Und, dass es begrenzt ist. So brachte es Goethe in seinem späteren Gedicht "Der Cölner Mummenschanz" auf den Punkt: "Löblich ist ein tolles Streben, wenn es kurz ist und mit Sinn." Goethes Sicht auf den Karneval änderte sich auch, weil die närrische Unbekümmertheit den Dichter daran erinnerte, dass der Genuss des Augenblicks wichtig ist.

Zum rheinischen Karneval kam Goethe später erst. Im Jahr 1814 rückte das Rheinland wieder mehr in seinen Fokus. Er interessierte sich für die Bestrebungen, den Kölner Dom zu vollenden, den er als "tüchtigstes, großartigstes Werk, das vielleicht je mit folgerechtem Kunstverstand auf Erden gegründet worden ist", bezeichnete.

Zehn Jahre später, 1824, bittet ein Freund Goethe, einen Text über den Kölner Karneval

zu schreiben.

"Das Fest war zuvor ein wenig heruntergekommen, durch eine Würdigung Goethes wollte man ihm neuen Glanz verleihen", sagt Wingertszahn. Dem kommt der Klassiker nach und würdigt das Fest in sehr positiver Weise. Sogar ein Gedicht verfasst Goethe für die Kölner: den bekannten "Cölner Mummenschanz". "Ich kenne keinen anderen Dichter von Rang, der ein solides Gedicht über den Karneval verfasst hat", sagt Wingertszahn. Da Goethe den Karneval im Rheinland nicht selbst erlebt hat, formulierte er Fragen an den damaligen Karnevalsprinz, der zu Goethes Zeit tatsächlich noch Karnevalsheld hieß. Seine Fragen und auch die Antworten sind in der Ausstellung zu sehen. Damit versucht er auf journalistische Art die nötigen Informationen über den Ablauf und die Hintergründe des Geschehens zu bekommen.

"Am Kölner Karneval hat er geschätzt, dass es sich hier um ein Volksfest handelte, das reformiert werden sollte", sagt Wingertszahn. Auch vom Düsseldorfer Karneval hat Goethe erfahren. Im November 1825 berichtete ihm der Maler Ernst Förster in Weimar "vom Leben und Charakter der Bevölkerung des Niederrheins, ganz besonders aber von den Carnevalslustbarkeiten in Köln und Düsseldorf". Ob Goethe den heutigen Karneval geschätzt hätte, vermag der Goethe-Kenner Wingertszahn nicht zu sagen. Wohl aber, dass ihn die Umzüge mit den aufwendigen Wagen fasziniert hätten. "Zu einem echten Karnevalsjecken können wir Goethe aber dennoch nicht machen."

Quelle: RP
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