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Düsseldorf
Grandioses Spektakel im Schauspielzelt

Düsseldorf. Sieben Schauspieler und eine Band reisen "In 80 Tagen um die Welt" und setzen eine irrwitzige Bildmaschine in Gang. Pure Freude am Spiel. Von Dorothee Krings

Irgendwann, nach mindestens 1000 blitzschnellen Abenteuern, nach geglückten Bestechungsversuchen auf dem Balkan, einer abgewendeten Witwenverbrennung in Indien, Opiumexperimenten in Hongkong und sogar einem Abstecher zum Mond, stranden Phileas Fogg und seine Gefährten in der amerikanischen Provinz. Einöde. Stumpfsinn. Western-Trash. Da hockt ein dicker Indianer-Häuptling und gibt sinnfreie Sinnsprüche von sich, eine Lady in Lederjacke weiß auch nicht, wie man dem Nirgendwo entkommt. Armes Amerika. Doch dann ein Truck. Ein Typ in Latz-Jeans, gutmütiges Grinsegesicht, Schnäuzer, sitzt auf einem Klappstuhl, dreht gewichtig am unsichtbaren Lenkrad. Freundliches Amerika. Die anderen steigen ein. Dazu brauchen auch sie nur einen Rohrstuhl, schon geht die Reise weiter - schnell, schneller, schnellissimo, wer in 80 Tagen um die Welt will, muss sich beeilen.

Es ist das perfekte Stück für das Theaterzelt auf dem Corneliusplatz: Der Schauspieler und Autor Peter Jordan und sein Regiekollege Leonhard Koppelmann haben sich Jules Vernes Abenteuerroman "In 80 Tagen um die Welt" aus dem Jahr 1873 vorgenommen und machen daraus ein beschleunigtes Reisespektakel für die Manege, eine verrückte Weltumrundung in 1001 Bildern, eine Magische-Laternen-Vorführung im Schleudergang und vor allem das: ein Fest des puren Spiels.

Sieben Darsteller schlüpfen in rasantem Tempo durch Rollen und Klischees, machen Stippvisiten in Großstädten und auf Kontinenten, persiflieren nationale Stereotype, imitieren Dialekte, zitieren Popkultur und das mit einer solchen Lust an Verkleidung, Verstellung, Alberei, dass den Theaterzirkusbesuchern schwindlig wird.

Das ist übermütig, laut, rücksichtlos und um keinerlei politische Korrektheit bemüht. Und so muss man bisweilen schlucken, wenn die Reisegesellschaft etwa den Nahen Osten überfliegt und dann bewaffnete Beduinen einen absurden Dialog führen über Schiiten, Sunniten, Aleviten und das unübersichtliche Gegeneinander religiöser Gruppen.

Doch schon ist die nächste Region an der Reihe. Auch Deutschland gerät in den Satirewolf, das Land der Guten-Morgen-Sager und Mittagspausen-Macher. Und während vorne volkstümlich geblödelt wird, fahren im Hintergrund Panzer über die Bildfläche.

Denn es wird nicht nur atemlos gespielt. Videoprojektionen ergänzen, kommentieren, verfremden das Bühnengeschehen, machen diese Aufführung zu einer irrwitzigen Collage. Dazu umrundet eine Band um Klaus Mages den Globus musikalisch, spielt sich durch die Stile und musikalischen Epochen und verführt die Schauspieler zu ein paar Songs mit Musical-Gestus, die nur schwer wieder aus dem Hörgedächtnis zu tilgen sind.

Und die Schauspieler nehmen das alles virtuos auf, singen, spielen, überzeichnen, treiben das Tempo immer noch weiter voran. Torben Kessler etwa, der nicht nur eine schöne Stimme hat, sondern mit britischem Schliff den versnobten Gelehrten und Reiseanführer Phileas Fogg gibt. Judith Bohle bekommt eine Goldglanzrolle als Maschinen-Maria auf den Leib geschrieben und verdreht dem stoffeligen Fogg mal resolut, mal femme fatalig den Kopf. Jonas Friedrich Leonhardi macht als eilfertiger Diener Passepartout das Trio komplett. Thiemo Schwarz ist mal mit voller Wucht Revuetänzerin im Moulin Rouge, im nächsten Augenblick trägt er rote Wollmütze und lässt als Tiefsee-Erkläronkel Jacques Cousteau sein U-Boot abtauchen. Andreas Grothgar wird als Fiesling Fix auf dem Mond zurückgelassen und geht hollywoodreif fast zugrunde, doch sind die Bösen ja meist widerstandsfähig, und so taucht er immer wieder auf, gibt auch mal eine krächzende Möwe, die mit modernen Mitteln ihren Dreck versprüht. Auch Adrienne Lejko und Martin Esser spielen noch die kleinsten Nebenrollen mit überwältigender Lust an der Verstellung. Das ist alles absurd, unernst, ein Riesenspaß, pralles Revuetheater, in dem ab und an kabarettistischer Hintersinn aufblitzt.

Jules-Verne-Puristen seien gewarnt: Diese Reise um die Welt ist keine feinsinnige Adaption eines Abenteuerklassikers aus einer fortschrittsseligen Epoche. Die Illusionsmaschinisten vom Schauspielhaus nutzen den Roman, um zu beweisen, was Theater kann: alles.

Quelle: RP
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