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Moritz Führmann
"Gutenberg hat's gründlich versaut"

Düsseldorf. Der bekannte Düsseldorfer Schauspieler über die geheimnisvolle Verwandlung von Büchern beim lauten Vorlesen. Von Lothar Schröder

Moritz Führmann (37) liebt Texte, weil er Sprache liebt - gesprochene Sprache und den Rhythmus der Sätze, die Melodie einer Erzählung. Führmann, der seit sechs Jahren dem Ensemble des Düsseldorfer Schauspielhauses angehört und auch im Fernsehen präsent ist, unter anderem in "Soko Leipzig" und "In aller Freundschaft", wird in der großen Lesenacht der Rheinischen Post aus jenem Roman vorlesen, der in unserer Liste der besten 100 Bücher den ersten Platz belegt: "Das steinerne Floß" des portugiesischen Nobelpreisträgers José Saramago.

Wie war denn für Sie die erste Begegnung mit dem Text - mit dem Roman "Das steinerne Floß" von José Saramago?

Führmann Der Einstieg war gar nicht so leicht, bis ich merkte, dass bei Saramago der Inhalt die Form ist: Alles bricht zusammen, und alles geschieht gleichzeitig. Und diese Gleichzeitigkeit macht das Lesen zunächst nicht unbedingt leicht. Ich musste erst einmal schauen, wo der Erzähler den Faden wieder aufnimmt - inmitten dieser Vielstimmigkeit. Manchmal sind ja zwei Sprecher nur mit einem Komma voneinander getrennt. Gleich am Anfang raste der Text also wahnsinnig über mich hinweg, bis er dann immer mehr zu einer Melodie wurde. Man wird als Leser genötigt, mitzuarbeiten. Und so musste ich mir den Roman erst selber zum Erlebnis machen.

Bereitet das auch beim lauten Vorlesen Probleme?

Führmann Im Gegenteil, die Vielstimmigkeit ist ein gefundenes Fressen für einen Schauspieler. Man kann die einzelnen Figuren wunderbar voneinander absetzen, ihnen Charakter und Individualität verleihen.

Machen Sie für sich auch Markierungen im Text?

Führmann Meine Saramago-Ausgabe wird später ein richtiges Bild sein - mit sehr vielen Strichen und Hinweisen. Ich gehe natürlich stark auf den Rhythmus eines Textes ein. Ich muss die Wirkung überprüfen und darum auch nach den Pointen Ausschau halten. Dabei geht es erst einmal um die Oberfläche; wobei ich dann aber versuche, auch die Struktur des Textes zu durchdringen. Das ist natürlich etwas ganz anderes, als wenn ich mich - sozusagen im ,stillen Kämmerlein' - in einen Text von Thomas Mann vertiefe. Wenn ich vorlese, ist das praktisch Komödie, manchmal auch Tragödie. Beim lauten Lesen verwandelt sich der Text und gewinnt idealerweise eine szenische Qualität. Auch darum bin ich schon sehr gespannt, wie die Zuhörer das empfinden werden.

Worin unterscheidet sich das von einer Autorenlesung?

Führmann Es gibt Schriftsteller, die ihre Texte toll vorlesen können. Manchmal wird so etwas aber leider auch erbärmlich, wenn der vorlesende Autor von der Struktur seines Textes einfach nicht wegkommt. Das einzige, was man nach solchen Abenden sagen kann, ist dann: Der Vortrag sei in gewisser Weise authentisch gewesen. Mir fällt dann immer die sogenannte Dichter-Lesung bei Loriot ein: Kraweel, Kraweel usw.

Wer ist denn derzeit Ihr Lieblingsautor?

Führmann Ich bin ein ziemlich großer Murakami-Fan.

Ich überhaupt nicht. Jahr für Jahr hoffe ich inständig, dass der Literaturnobelpreis wieder an ihm vorbeigehen möge.

Führmann Okay, auch Jonathan Franzen ist für mich ganz vorne dabei; und "Hiob" von Joseph Roth. Aber wenn wir schon über Sprache reden, dann dürfte wohl Heinrich von Kleist bei mir an erster Stelle stehen. Wenn man einen einzigen Satz von Kleist auswendig gelernt und verstanden hat, dann merkt man, dass man es nie besser sagen kann. Es lässt sich einfach nicht mehr anders formulieren, ohne einen Fehler zu begehen. "Der Prinz von Homburg" und die "Hermannsschlacht" sind einfach schöne, vollkommene Texte. Auch wegen solcher Texte wird das Theater dem Film immer voraus sein.

Auf einen gemeinsamen Favoriten werden wir uns also nicht einigen können?

Führmann Aber wissen Sie, genau das ist das Schöne an Literatur: Über Bücher kann man immer sofort diskutieren und meinetwegen auch streiten. So etwas würde einem bei Youtube-Videos jedenfalls weniger passieren. Auch nach der letzten Seite ist es mit dem Buch ja noch nicht vorbei; das ist für mich das Erstaunliche. Und nach einer Lesung kommen stets Leute zu mir und wollen über das Buch reden. Das passiert im Theater viel seltener. Im Theater scheint es eine Art Verabredung zu geben: ihr spielt, wir sehen zu. So etwas gibt es bei Lesungen eben nicht.

Wobei das Vorlesen und das Zuhören ja die Urformen der Literaturerfahrung sind ...

Führmann ... und Gutenberg hat's dann gründlich versaut (lacht).

Quelle: RP
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