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Peter Hein
"Ich bin jetzt Geronto-Punk"

Peter Hein: "Ich bin jetzt Geronto-Punk"
Peter Hein (57) vor dem Düsseldorfer Schauspielhaus. FOTO: David Young
Düsseldorf. Der Sänger der Fehlfarben spricht bei einem seiner seltenen Düsseldorf-Besuche über das neue Album seiner Band. Von Philipp Holstein

Peter Hein ist wieder in der Stadt. Er sitzt im "Teatro Più", dem Café am Schauspielhaus, und trinkt Altbier. Er wirkt elastisch, irgendwie sprungbereit, als wolle er gleich auf eine Bühne stürmen. Der Sänger der Fehlfarben lebt inzwischen in Wien, aber am Rhein schrieb er Zeilen wie diese: "Was ich haben will, das krieg' ich nicht / Und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht." 1980 war das, "Paul ist tot" heißt das Lied und "Monarchie und Alltag" das dazugehörige Album - die Band bekam dafür 21 Jahre nach Erscheinen eine Goldene Schallplatte.

Nun wird das neue Fehlfarben-Album veröffentlicht, und an "Über Menschen" fällt auf, dass sich Hein vor allem über junge Leute mokiert: Sie laufen "mit der App in der Hand" umher und gehören einer Generation an, "die sich nichts traut". Man bekommt den Eindruck, da hadert einer mit dem, was folgt: "Und plötzlich, ohne, dass man sich's versah / Stand man nackt in der Zukunft, die keine war."

Bitte nicht übel nehmen, aber ich glaube, die Fehlfarben haben soeben ein neues Genre erfunden. Man könnte es Geronto-Punk nennen.

Peter Hein Geronto stimmt, Punk nicht.

Können Sie meinen Eindruck denn nachvollziehen?

Hein Ein bisschen, ja.

Sie machen sich lustig über Jüngere.

Hein Aber auch über Ältere. Aber Sie haben Recht: Früher ging unsere Musik gegen die Alten, jetzt gegen die Jungen. Weil die mit Musik nichts mehr am Hut haben.

Ein paar Jüngere kommen doch zu Ihren Konzerten.

Hein Die sind aber entweder retro oder Deppen. Oder sie werden von ihren Eltern gezwungen mitzukommen. Musik an sich ist doch nur noch Tapete oder Unterhaltung. Die ist ja kein Thema mehr, so wie früher bei uns. Die klicken das an, hören es aber nicht wirklich.

Hören im Sinne von "aufnehmen"?

Hein Ja, und im Sinne von So-seinWollen. Die wollen ja nur noch reich sein. (lacht) Ach, was weiß denn ich, was junge Menschen wollen.

Sehen Sie sich an, wie jüngere deutsche Bands mit Sprache umgehen?

Hein Nö. Ich interessiere mich ja noch nicht mal für mich selber. Was soll ich da auf andere gucken? Das ist mir egal. Wir kriegen immer mal Vorgruppen zugewiesen, die gucke ich mir an, und manchmal sind tolle dabei.

Zum Beispiel?

Hein Angelika Express war super. Mittekill auch. Mehr fallen mir aber nicht ein, weil es die dann ja nach zwei Jahren sowieso nicht mehr gibt. Oder die machen plötzlich andere Musik. Das Problem haben die alle.

Nur die Fehlfarben gibt es immer noch.

Hein. Richtig.

Ist es wichtig, dass es die Fehlfarben noch gibt?

Hein Für uns schon.

Und für die Welt?

Hein Eher nicht.

Sie sind nur selten in Düsseldorf. Erkennen Sie die Stadt noch wieder?

Peter Hein Immer wenn ich wiederkomme, ist irgendwas weg: Auto Becker, der Kaufhof und jetzt der Tausendfüßler. Dass der nicht mehr steht, war der größte Schock. Aber ehrlich gesagt: Wenn ich mir das so angucke, vermisse ich ihn nicht. Ist jetzt eigentlich sogar besser.

Haben Sie noch Verbindungen zur Düsseldorfer Zeit, Kontakte?

Hein Ach, da muss man sich verabreden, und das kommt dann sowieso nicht zustande. Ich bin auch nicht so ein Typ, der Monate vorher was ausmacht oder so. Wenn ich hier bin, dann ja auch nur für eine Nacht im Hotel. Viel zu kurz.

Das klingt leicht neurotisch.

Hein Ich bin halt nicht so ein geselliger Typ.

Ihre alten Weggefährten, die Toten Hosen, sind die populärste Band Deutschlands. Freuen sie sich darüber?

Hein Vor drei Wochen habe ich die in Zürich gesehen und gedacht: super. Die sind einfach klasse. Ich höre mir deren Platten nicht an, aber das ist wurscht, denn meine eigenen Platten höre ich mir ja auch nicht an. Mit Campi ist es immer nett. Und lieber die als Maffay.

Wobei der Maffay ja auch nett ist.

Hein Ich hatte nur mal eine halbe Minute Sprechkontakt mit dem. Da war der mir nicht unsympathisch. Ich habe mit dem eher musikalische als persönliche Differenzen. Besser als Rammstein ist er allemal.

Was hat Sie musikalisch zuletzt euphorisiert?

Hein Das Konzert der Flamin' Groovies in Wien. Da standen Fast-70-Jährige mit Streichholzbeinen auf der Bühne und haben gespielt wie junge Götter. Neue Musik verfolge ich eigentlich nicht.

Wer sind denn Ihre Herzenskünstler?

Hein Léo Ferré, Graham Parker und Nick Lowe. Das sind so meine Helden. Ich habe nach langer Zeit meinen Plattenspieler wieder aufgebaut, kaufe Vinyl und höre meine alten Scheiben wieder.

Was zum Beispiel?

Hein Tunlichst keinen Punkrock.

Warum nicht?

Hein Habe ich über, kenn ich. Weiß ich, wie es geht. Das ist auch nichts für tagsüber. Das ist zu anstrengend für mich.

Hat das Wort Punk überhaupt noch eine Bedeutung für Sie?

Hein Nee, ich bin ja jetzt Geronto-Punk. Haben Sie selbst gesagt.

Nehmen Sie mir das doch übel?

Hein Nee, nee. Das ist ein gutes Wort.

Quelle: RP
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