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Michael Rother
"Ich bin kein verpeilter Romantiker"

Düsseldorf. Der 66-jährige Michael Rother spricht über die Entstehung seines legendären Instrumental-Albums "Flammende Herzen", das er jetzt im Zakk aufführen wird. Von Philipp Holstein

Es ist noch früh am Morgen, und Michael Rother möchte nach dem Interview den Nebel über der Weser fotografieren. Der 66-Jährige klingt ausgeglichen und froh. Er ist gerade erst von einer Tournee durch China heimgekehrt nach Forst ins Weserbergland bei Holzminden. Einst spielte er bei Kraftwerk, er gründete mit Klaus Dinger die Band Neu!, gehörte der Gruppe Harmonia an, und 1977 war seine erste Solo-LP "Flammende Herzen" ein Hit. Seine Musik wurde vor einigen Jahren von einem jüngeren Publikum neu entdeckt, und seither tourt Rother durch die Welt. Der Gitarrist hat in Düsseldorf gelebt, am Rethel-Gymnasium spielte er in der Band Spirits Of Sound. 1976 zog er nach Forst, in das Haus, in dem er heute noch wohnt. Am 14. Dezember kehrt Rother wieder heim: Dann führt er "Flammende Herzen" im Zakk auf. Anlass ist das neue Festival "Lieblingsplatte".

Ich kenne viele Leute, die "Flammende Herzen" inzwischen ganz toll finden, zuvor aber gedacht hatten, das sei Kitsch, obwohl sie noch keine Note davon kannten. Wie kann man sein Album bloß so betiteln?

Rother Das ist Zufall. Es liegt jedenfalls nicht daran, dass ich ein verpeilter Romantiker wäre. Das Foto auf dem Cover zum Beispiel hat meine damalige Freundin, die auch meine erste große Liebe war, in Düsseldorf auf der Rheinkirmes gemacht. Im Hintergrund sieht man ein Herz. Zufall. Und dann hatte ich in Forst so einen Scherenschnitt hängen, der "Flammende Herzen" hieß. So kam das. Ich denke nicht in Konzepten, ich mache einfach Musik. Und wenn ich der Musik dann Namen geben muss, bin ich oft hilflos. Günter Körber von Sky Records, wo das Album erschienen ist, versuchte noch, mir den Titel auszureden. Aber dann hat er gesagt: Egal. Was zählt, ist die Musik.

Die ersten Takte von "Flammende Herzen" klingen wie der Song "Tender" von der Band Blur. Hat sich deren Songwriter Damon Albarn damit vor Ihnen verbeugt?

Rother Ach, das weiß ich nicht. Aber ich habe gehört, dass Damon Albarn sich gelegentlich positiv über meine Musik äußert.

Wie ist die Platte entstanden?

Rother Ich habe damals gerade ein Jahr in Forst gelebt mit der Gruppe Harmonia. Meine Bandkollegen Hans-Joachim Roedelius und Dieter Moebius wollten das Projekt dann aber nicht fortsetzen. Die weltweite Anerkennung, die wir heute haben, hatten wir damals nicht. Es war eine Katastrophe, ein finanzielles Desaster. Die beiden hatten das Vertrauen verloren und wollten die Band beenden. Und ich habe überlegt, was ich machen kann. Zum Glück war bei Conny Plank, der ja auch Kraftwerk produziert hatte, Studio-Zeit frei. Auch Jaki Liebezeit, der Schlagzeuger der Band Can, war verfügbar. Meine damalige Freundin studierte in Köln. Und die Sehnsucht nach ihr wollte ich in Musik übersetzen.

Woher kennen Sie Jaki Liebezeit eigentlich?

Rother 1971 habe ich bei Kraftwerk gespielt, und wir hatten zwei Konzerte zusammen mit Can. Aber dass er ein wunderbarer Schlagzeuger ist, wusste ich vorher schon. Man muss sich nur mal ein Stück wie "Yoo Doo Ride" vom Can-Album "Monster Movie" anhören.

1977 stand Punk in voller Blüte, und Sie kamen mit einer Instrumental-Platte, die "Flammende Herzen" heißt und von der Liebe handelt. Das wirkte wie aus der Zeit gefallen.

Rother Ich habe mich Anfang der 70er, als ich anfing, eigene Musik zu machen, ziemlich abgekoppelt und mich nicht mehr dafür interessiert, was links und rechts ist. Das war Ausdruck des Wunsches, individuell zu sein, eine eigene Handschrift zu entwickeln. Und es hat sich nicht grundlegend geändert. Auch heutzutage genieße ich die Abwesenheit von Klängen. Ich kann nichts nebenbei laufen lassen. Wenn Musik da ist, setze ich mich auch intensiv damit auseinander. Punk hat mich nie so interessiert. Obwohl es einige Stimmen gibt, die sagen, dass die sehr aggressive und maßgeblich von Klaus Dinger evozierte Stimmung auf der zweiten LP-Seite von "Neu! 75" ein stilprägender Einfluss für Punk war.

"Flammende Herzen" war dann ein großer Erfolg.

Rother Ja, ich weiß noch, dass ich bei Winfrid Trenkler in seiner Sendung für den WDR saß. Er stellte mein Album vor. Und nach der Sendung hörte das Telefon nicht auf zu klingeln. Die Leute erkundigten sich nach der Platte, und Winfrid sagte: Das bedeutet etwas. Bald waren 150.000 Stück verkauft. Das war eine atemberaubende Zeit.

Das großartigste Stück ist für mich "Feuerland".

Rother Ja, das verstehe ich. Das ist ein Stück mit offener Struktur. Es lag ein Gewitter in der Luft an jenem Tag, und die Atmosphäre war eigenartig. Conny Plank hat das schön eingefangen. Ich hatte ein Echogerät, dessen Band sich langsam auflöste und zu jaulen begann. Das passte wunderbar in die Stimmung. Nach zwei Minuten ist das Band dann gerissen, und dadurch ergab sich der atmosphärische Wechsel in dem Stück. Als hätte jemand einen Schleier weggezogen. Jaki Liebezeit hat da ganz viel intuitiv aufgegriffen. Ich hatte ihm grobe Skizzen des Stücks auf Kassette vorgespielt. Und er hat an genau den richtigen Stellen die Akzente gesetzt. "Feuerland" werden wir in Düsseldorf zum ersten Mal überhaupt live spielen. Daran habe ich große Erwartungen. Ich dachte lange, das sei unspielbar.

Wer spielt mit Ihnen auf der Bühne?

Rother Die Musiker, mit denen ich live unterwegs bin: Hans Lampe von La Düsseldorf am Schlagzeug und Franz Bargmann an der Gitarre. Und dann habe ich Thomas Beckmann aus Hamburg eingeladen, der Videoprojektionen hergestellt hat. Er soll auch Live-Videoaufnahmen machen, die projiziert werden. Der Abend hat drei Teile. "Flammende Herzen" wird in der Mitte stehen. Davor und danach gibt es Stücke aus meinem Solo-Repertoire.

Ist Düsseldorf noch ein besonderer Ort für Sie?

Rother Ja, ich habe ja noch Familie dort und Freunde. Der Organist von Spirits of Sound, Christoph Kukulies, hat sich schon bei mir gemeldet. Ich bin sehr dankbar, dass Miguel Passarge und sein Team im Zakk die Idee mit dem Festival hatten.

Quelle: RP
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