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John Fiore
"Ich war unterfordert"

John Fiore: "Ich war unterfordert"
John Fiore bei der Probe zu FOTO: Susanne Diesner
Düsseldorf. Der frühere Chefdirigent der Rheinoper spricht über seine vorübergehende Rückkehr in die ehemalige Heimat und sein neues Leben. Von Regine Müller

John Fiore ist bester Laune. Gerade hat er die erste Orchesterprobe für das "Sternzeichen"-Konzert hinter sich gebracht, die Betriebstemperatur ist spürbar erhöht, dafür ist es im ungeheizten Dirigentenzimmer ziemlich frisch. Fiore wirkt unverändert, die Jahren scheinen spurlos vorüberzugehen an dem Amerikaner, der in Wahrheit wenig Ähnlichkeit hat mit dem grimmigen Profilbild, das auf dem Konzertplakat prangt.

Wie ist es, wieder mit Ihrem ehemaligen Orchester zu arbeiten?

Fiore Ich bin so glücklich! Ich fühle mich total zuhause. Ich vermisse dieses Orchester, muss ich sagen. Ich vermisse Düsseldorf. Es war eine gute Zeit hier. Und ich denke, wir haben jetzt eine gute Woche vor uns.

Seit 2009 sind Sie in Oslo. Was ist dort anders?

Fiore Ich war in Oslo, denn nach sechs Jahren habe ich entschieden, jetzt wieder frei zu arbeiten! Mit Beginn dieses Jahres bin ich nicht mehr fest gebunden an das Opernhaus in Oslo.

Warum sind sie gegangen?

Fiore Aus beruflichen, aber auch aus persönlichen Gründen. Ich war sechs Jahre dort, aber jetzt will ich wieder mehr in der Mitte Europas leben. Ich habe dort geschafft, was ich wollte. Das Haus ist fantastisch, aber es ist auch sehr weit weg. Und auf Dauer ist es mir da einfach zu dunkel.

Aber sie haben extra Norwegisch gelernt?

Fiore Ja, und ich gastiere ja auch noch dort. Ich wollte jetzt einfach wieder freier sein. Ich muss sagen, ich habe mich in Oslo auch ein bisschen abgeschnitten gefühlt vom Rest der Opern-Welt, es ist einfach sehr weit weg.

Wie ist das Publikum in Norwegen?

Fiore Das Publikum ist wunderbar, es gibt Standing Ovations jeden Abend! Aber sie spielen in Oslo viel Ballett, und mit meinem Orchester gab es nur drei bis vier Konzerte im Jahr, nicht wie hier zwölf pro Saison.

War der Konzertdirigent John Fiore dort unterfordert?

Fiore Das kann man so sagen.

Was planen Sie in nächster Zeit?

Fiore Oper ist meine größte Liebe, natürlich hat das Vorrang. Im Moment durchlebe ich eine Übergangszeit, vieles ist noch offen, aber ich bin sehr glücklich. Ich lebe mit meinem Partner jetzt in Genf.

Dort ist doch Tobias Richter, der ehemalige Intendant der Rheinoper, Chef des Opernhauses. Arbeiten Sie dort wieder zusammen?

Fiore Aber ja, Tobias Richter ist mir sehr treu, wie überhaupt allen seinen Künstlern, an die er glaubt. Er ist ein guter Freund für mich. Ich werde bei ihm demnächst Verdis "Falstaff" dirigieren.

Jean Sibelius' Bühnenmusik "Stormen" ist mir noch nie begegnet, warum wird das Werk so selten gespielt?

Fiore Schauspielmusiken werden heute generell ja kaum noch gespielt. Das hat auch etwas mit der Länge zu tun. Wenn man Shakespeares "Sommernachtstraum" mit Mendelssohns Musik spielt, dauert das ewig. Genauso wie "Peer Gynt" mit Griegs Musik. Sibelius "Stormen" ist eine Kombination von symphonischer Musik mit theatralischen Elementen. Ich finde es schon deshalb interessant, weil es ein später Sibelius ist und Shakespeares vorletztes Theaterstück. Und die Musik ist spannend, ganz anders, als man Sibelius sonst kennt. Die einzelnen Stücke sind stilistisch enorm unterschiedlich, es gibt barocke Anleihen, neoklassische Passagen und postromantische und vieles mehr.

Was schätzen Sie am späten Sibelius?

Fiore Ach, schon der Anfang ist unglaublich, es ist eine fantastische musikalische Beschreibung eines Sturms, und die Farben im Orchester, das ist Lautmalerei vom Feinsten! Und ganz typisch Sibelius, sehr atmosphärisch mit großer Besetzung. Und die zweite Nummer ist das ganze Gegenteil: Harmonium und Harfe! Ich finde das brillant.

Ist "Stormen" eine verkappte Oper?

Fiore Nein, schon deshalb nicht, weil es Lieder gibt statt Arien, und die sind sehr kurz. Manchmal fast zu kurz, wie ich finde.

Haben Sie eine besondere Beziehung zu Sibelius und zu nordischer Musik?

Fiore Also, ich bin natürlich jetzt ein bisschen ein Botschafter für nordische Musik, mein Herz schlägt allerdings schon in Mitteleuropa.

Wie geht es weiter mit Ihrer Karriere?

Fiore Mein Privatleben ist mir heute wichtiger als früher. Ich hatte eine wunderbare Zeit hier in Düsseldorf und ich liebe Opernhäuser mit Repertoire-System, das hat mir gefehlt in Oslo. Ich möchte wieder mehr in Deutschland dirigieren.

Quelle: RP
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