| 00.00 Uhr

Horst Eckert
"Ich will den Finger in die Wunden legen"

Düsseldorf. Horst Eckerts neuer politischer Thriller behandelt das Thema Rechtsextremismus. Er heißt "Wolfsspinne" und spielt in Düsseldorf.

Kinderstimmen sind aus dem nahegelegenen Park zu hören. Sonst ist es still in Horst Eckerts Wohnung, in die er zu Cappuccino und Pflaumenkuchen eingeladen hat, um über seinen neuen Thriller zu sprechen. Der Kontrast könnte kaum größer sein zwischen seiner hellen, freundlichen Wohnung in Bilk und der Gewalt, über die er dort schreibt.

Sie setzen sich in Ihrem Thriller mit dem Nationalsozialistischen Untergrund auseinander und auch mit aktuellen Entwicklungen, mit den zum Teil gewaltsamen Protesten gegen Flüchtlinge. Was hat Sie auf die Idee zu "Wolfsspinne" gebracht?

Eckert Am Anfang stand der Nationalsozialistische Untergrund. Ich war schockiert, als im November 2011 bekannt wurde, dass Neonazis jahrelang unentdeckt von der Polizei töten konnten. Ich wusste sofort, dass ich über diese Terrorgruppe schreiben muss. Seitdem habe ich recherchiert und Material gesammelt, ich habe nur nicht gleich einen Zugang gefunden. Deshalb hat es eine Weile gedauert.

Was war schwierig?

Eckert In meinen Thrillern will ich ein Thema aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten, dazu gehört auch die Täterperspektive. Aber ich mochte nicht in die Neonazi-Szene eintauchen, das fand ich eklig.

Was hat sich verändert, dass Sie das Thema doch aufgegriffen haben?

Eckert In der Zwischenzeit hatte ich mit meiner Thrillerreihe um den Düsseldorfer Kommissar Vincent Veih begonnen. Mit ihm und einem entfernten Verwandten Vincents, einem V-Mann des Verfassungsschutzes, konnte ich die Geschichte so erzählen, wie es für mich passt. Ich begebe mich mit ihm in die Neonazi-Szene, kann aber Distanz halten, weil er nicht ganz dazugehört. Zudem beginnt der Thriller mit einem anderen Fall: mit einem Mord in einem Düsseldorfer Edelrestaurant.

Im Zentrum steht aber der NSU. Warum wollten Sie über ihn schreiben?

Eckert Es gibt so viele Ungereimtheiten und offene Fragen bei diesem Fall. Neun Männer mit Migrationshintergrund und eine Polizistin wurden in verschiedenen deutschen Städten mit derselben Waffe erschossen. Heute wissen wir, dass der NSU dahinter stand. Die Polizei sprach aber jahrelang nur von "Döner-Morden" und einer angeblichen Türkenmafia. Nach dem Tod der NSU-Täter Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt schredderte das Bundesamt für Verfassungsschutz Akten zu V-Leuten in der rechten Szene.

Für Sie blieben Fragen offen?

Eckert Ja. Was sollte da vertuscht werden? Ein Verfassungsschützer war in Kassel bei einem der Morde zur Tatzeit am Tatort. Soll das wirklich nur Zufall gewesen sein? Welche Rolle spielten die Geheimdienste? Solche Fragen beschäftigen mich sehr. Ich misstraue der offiziellen Version und will den Finger in die Wunden legen.

Ihre Romanfiguren haben andere Namen, aber die Mitglieder des NSU sind deutlich zu erkennen. Was ist Dichtung und was ist Wahrheit in "Wolfsspinne"?

Eckert Mein Thriller ist Fiktion, aber zugleich eine realistische Antwort auf viele offene Fragen. Ich behaupte nicht, dass es so war, aber es könnte so oder ähnlich gewesen sein. Ich beziehe mich auf die realen Verbrechen des NSU. Wenn ich aber schildere, wie Mundlos und Böhnhardt zu Tode kommen, stelle ich die offizielle Version infrage. Selbst der Untersuchungsausschuss des Landtags von Thüringen hat bezweifelt, dass es Selbstmord war. Daran knüpfe ich an.

Wie kommen Sie auf Mord?

Eckert Es gibt einige Gründe, die gegen die offizielle Selbstmord-Version sprechen. Zum Beispiel war die Waffe durchgeladen, durch die beide zu Tode kamen. Es kann passieren, dass sich ein Gewehr selbst durchlädt, wenn es auf den Boden fällt, es ist aber unwahrscheinlich. Es gibt zudem Tatortfotos im Internet, die vermutlich Polizei-Whistleblower veröffentlicht haben. Zu sehen ist Mundlos in dem Wohnmobil, in dem er und Böhnhardt gefunden wurden. Aber auf der Wand, vor der er sich erschossen haben soll, ist kein Blut zu sehen. Das zum Beispiel spricht dafür, dass er nicht dort gestorben ist.

Was wollen Sie mit Ihrem Thriller erreichen - wollen Sie alternative Versionen beweisen?

Eckert Nein, darum geht es mir nicht. Ich will die Leser auch nicht in eine bestimmte politische Richtung lenken. Es würde mich aber freuen, wenn mein Thriller sie anregt, über unsere politische Wirklichkeit nachzudenken. Darüber, warum der NSU so lange unentdeckt bleiben konnte, oder über zunehmende rechte Gewalt.

Ist das Unterhaltungsgenre das richtige Umfeld dafür?

Eckert Ich sehe das so. Es gibt ja unterschiedliche Arten zu unterhalten. Ich mag es, wenn in einer spannenden Geschichte Bezüge zur Wirklichkeit so stark werden, dass man anfängt, sich mit ihr auseinanderzusetzen.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE SABINE SCHMIDT.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Horst Eckert: "Ich will den Finger in die Wunden legen"


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.