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Düsseldorf
Im Stakkato durch die Welt der 68er

Düsseldorf. Die Düsseldorfer Fotografie-Künstlerin Katharina Sieverding (71) blickt in der Akademie-Galerie auf ihr Berufsleben zurück. Die einstige Beuys-Schülerin zeigt Arbeiten von den 60er Jahren bis zur Gegenwart. Von Bertram Müller

Katharina Sieverding hat viel erlebt. Als sie 1964 zum Studium an die Düsseldorfer Kunstakademie kam, war sie gleich mittendrin in einem Geschehen, das heute als Epoche gilt: im gesellschaftlichen Aufbruch der jungen Generation, der Achtundsechziger, und ihrer Widersacher. Aus der Bühnenbild-Klasse von Teo Otto wechselte sie 1967 in die Klasse von Joseph Beuys. In diesem Umfeld fand die junge Fotografin ihre ersten aufsehenerregenden Motive.

Großformatige Fotografien, oft in Serien, sind ihr Markenzeichen geworden. Und schon lange, bevor das Internet den Menschen rasche Schnittfolgen bescherte, verlangte sie den Betrachtern ihrer Bilder ein gutes Reaktionsvermögen ab. Vor mehreren aufwendigen Projektionen kann man sich davon nun in der Akademie-Galerie einen Eindruck verschaffen.

In wandhohen, rasch wechselnden, oft collagenhaft komponierten Dias lässt sie ihr Archiv sprechen, gleich im ersten Raum von den 60ern bis zur Gegenwart. In kühnen Schnitten reihen sie sich aneinander: Palermo und Gabriele Henkel, Beuys, Lüpertz und Julia Stoschek, die Akademie und der Kölner Dom. "Das Großformat", so erläutert die Künstlerin, "war mir von vornherein wichtig: Der Betrachter soll sich in den Raum projizieren."

Wie zur Entschleunigung sind in die Raumfolge zwei ruhige Orte eingestreut. Darin zeigt Katharina Sieverding sich langsam verändernde Bilder von der Sonne, die sie einem freien Internet-Angebot der Nasa verdankt, einmal hochauflösend in Blau, einmal unscharf in Rot. "Die Sonne um Mitternacht schauen", diesen Satz aus ihrer Beuys-Zeit will sie damit inszenieren; einen Satz, der ihren Worten zufolge aus dem alten Ägypten stammt und der auch die Frage danach aufwirft, inwieweit die Schutzschicht der Erde noch intakt ist.

Noch dichter an Fragen der Gesellschaft ist sie in einer Projektion, die in rascher Folge einstige Titel des "Spiegel" und Einladungskarten von Museen zeigt. Den Rahmen bildet jeweils eine Kiste, in die der Zuschauer originellerweise unmittelbar von oben schaut. Im letzten Raum tobt der Fluxus, jene wilde Kunst der Avantgarde in den 60ern, in Düsseldorf, Trier und Heidelberg mit Aktionen, die bis zur Zerstörung reichten. Einer der Höhepunkte ist der Trubel um die Absetzung von Joseph Beuys in seiner Funktion als Professor der Düsseldorfer Akademie 1972. Vor dem Eingang der Hochschule drängen sich gleichermaßen Studenten und Polizisten, Aufbruch und Staatsgewalt. Beuys hatte alle Bewerber ohne Beschränkung in seine Klasse aufnehmen wollen; seine Professorenkollegen widersetzten sich und wussten rasch den damaligen Wissenschaftsminister Johannes Rau auf ihrer Seite.

Durch Katharina Sieverdings Bilder laufen Joseph Beuys, James Lee Byars, Klaus Staeck und manch anderer, der bis heute eine Rolle im Kulturbetrieb spielt. Es wird viel geraucht in diesem Schwarz-weiß-Ambiente, eine NPD-Kundgebung zieht vorüber, und die Studenten reagieren auf manche gesellschaftliche Zumutung mit rührenden Aktionen.

Im selben Raum zeigt Sieverding im Anschluss ihre Folge "Motorkamera" von 1973/74: 180 Bilder in je drei Sekunden, in denen sie Einblick in ihre Arbeit mit Klaus Mettig gibt. Im Sinne der "Transformer-Bewegung" der 70er Jahre haben sie sich vor einem Spiegel per Fernauslöser nebeneinander ablichten lassen. Das Gesicht der einen wurde dabei jeweils mit dem Gesicht des anderen überblendet. Dahinter stand die Frage nach den Geschlechterrollen in unserer Gesellschaft. Diese Überblendung hat etwas Spielerisches. In der Tat versteht sich Katharina Sieverding seit je nicht als Hardcore-Feministin: "Ich wollte mich nie gegen den Mann abgrenzen", sagt sie. Augenmaß hat sie stets auch bei ihren fotografischen Kompositionen walten lassen. Selbst die wildesten Motive haben Stil.

Quelle: RP
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