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Düsseldorf
Improvisieren mit Beethoven

Düsseldorf. Der Pianist Kit Armstrong begeisterte im Symphoniekonzert der Tonhalle. Von Gert Holtmeyer

Die Zahl der musischen Menschen, die froh sind, nach Ende der Schulzeit um die höhere Mathematik einen großen Bogen machen zu dürfen, könnte ziemlich groß sein. Einer, der nachweislich nicht zu dieser Gruppe der Rechenverweigerer gehört, begeisterte jetzt in der ausverkauften Tonhalle sein Publikum. Der großartige Pianist Kit Armstrong, 1992 in Los Angeles geboren, studierte außer Musik auch Naturwissenschaften und schloss wie nebenbei in Paris ein Mathematikstudium mit dem Master ab. Wahrscheinlich hängen seine Kreativität und seine Vielseitigkeit zusammen. Aber jetzt der Reihe nach.

Das erste Sinfoniekonzert der neuen Spielzeit, an dem sich auch der Chor des Städtischen Musikvereins beteiligte, war ein voller Erfolg. Zwar war das Ganze etwas lang, keinesfalls aber langatmig geraten.

Schuberts Messe Nr. 2 G-Dur ist sehr schön und wird gern von Kirchenchören gesungen. Allerdings dürften nur wenige Kirchenchöre eine so opulent Besetzung wie die des Musikvereinschors auf die Beine bringen. Die klangliche Abstimmung zwischen dem von Marieddy Rossetto tadellos einstudierten Chor und dem Orchester stimmte, auf dynamische Differenzierungen wurde großer Wert gelegt. Als Gesangssolisten gefielen Monika Rydz (Sopran), Tobias Glagau (Tenor) und Beniamin Pop (Bass).

Bei Mozarts C-Dur-Klavierkonzert wurde deutlich, dass der junge Kit Armstrong klassisches Klavierspiel nicht nur als Wiedergabe, sondern auch als Kreation auffasst. Die Kadenzen, versicherte Intendant Michael Becker, kennt Armstrong "beim Anpfiff" noch nicht. Er improvisiert sie. Und wie!

Ideenreich verarbeitet er die thematischen Elemente. Er putzt sie nicht nur virtuos auf, es bleibt auch Platz fürs Zarte und fürs Geheimnisvolle. Und dabei kommt auch der Humor nicht zu kurz. An sich ist klar, wann eine Kadenz zu Ende ist, dann nämlich, wenn der zu erwartende Triller kommt. Mit dem Schalk im Nacken steuerte Armstrong scheinbar mit einer ausführlichen Triller-Kaskade auf diesen Punkt zu. Die Musiker gingen in Hab-Acht-Stellung - aber die Kadenz ging erst mal weiter. Jedenfalls klappte der Einsatz schließlich doch noch problemlos.

Nicht nur die Kadenz beeindruckte. Armstrong wusste genau die verschiedenen Ebenen des Konzerts auseinanderzuhalten: die heiter-verspielte, die gesangliche und die im Werk schon angedeutete romantische.

In Beethovens 4. Sinfonie ging es Dirigent Mario Venzago vor allem um die Spannung des Werkes. Und die knisterte regelrecht. Mit schnellen Tempi wirkte die Musik drängend, nicht aber gehetzt. Beim Jazz würde man von viel Drive sprechen. Mitreißend auch der Abschluss mit Beethovens op. 80, der Fantasie für Klavier, Chor und Orchester. Erneut glänzte Armstrong mit Virtuosität und Sensibilität. Strahlend klang der Chor mit seinen ausgezeichneten Chorsolisten, und die Düsseldorfer Symphoniker präsentierten sich in Bestform.

Langer, begeisterter Beifall.

Quelle: RP
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