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Düsseldorf
Ins Kino gehen und die Augen schließen: "Anhedonia"

Düsseldorf. Der Film, der heute Abend im Bambi seine Premiere feiert, ist völlig irre, aber gut irre. Patrick Siegfried Zimmer hat ihn gedreht, der war früher Musiker und nannte sich Finn. Robert Stadlober spielt in diesem Kinodebüt mit, und er ist ein junger Dandy im Jahr 2020, der an Anhedonia leidet, also an der Unfähigkeit, Lust und Spaß zu empfinden. Nun muss er zur Therapie ins "Haus Seelenfrieden", und er sieht gut aus in seinem Weltekel, denn er trägt Seidenschal, Ringelsocken und Strohhut. Vielleicht kann man sich darauf einigen, dass das eine Verfilmung des Covermotivs der Platte "Kapitulation" von Tocotronic sein könnte, und zu Beginn wird Hesses Gedicht "Im Nebel" rezitiert. Auf die Handlung kommt es jedoch nicht so an in dem bewusst prätentiösen und stilbewussten Kunstfilm "Anhedonia - Narzissmus als Narkose". Von Philipp Holstein

Wichtiger noch als Bilder sind hier die Stimmen. Tocotronic ist da ein gutes Stichwort, denn den unsichtbaren Seelenarzt Dr. Immanuel Young spricht Dirk von Lowtzow, der Sänger von Tocotronic, und wenn man ihn hört, wird einem gleich wieder gut - alle Versehrtheit durch Konsum und Digitalisierung ist vergessen. Warum er so selten Hörbücher einspricht, fragt man sich, und ob man ihm nicht mal ein Aufnahmegerät und eine Ausgabe von Thoreaus "Walden" zuschicken sollte, damit er daraus vorliest und man das Band dann jeden Abend zum Einschlafen abhören kann.

Der andere großartige Sprecher ist Blixa Bargeld, der fungiert als antiker Ein-Mann-Chor und kommentiert die Handlung. Wer wissen möchte, wie es klingt, wenn er deklamiert, wie gut und eindringlich, der rufe bei Youtube rasch den "Prolog" des Albums "Haus der Lüge" auf, das Bargelds Band Einstürzende Neubauten 1989 veröffentlichte. Danach hat man eine Blixa-Bargeld-Stimme im Kopf, die geht nicht mehr weg, man möchte dann auch so sprechen können.

So ist denn "Anhedonia" vor allem ein akustisches Erlebnis. Und ins Kino zu gehen, um die Augen zu schließen und einfach zuzuhören, ist ja auch sehr dandyesk.

Info Heute um 21.30 Uhr im Bambi, Klosterstraße 78.

Quelle: RP
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