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Düsseldorf
"Inzwischen bin ich absolut Staatsanwältin"

Düsseldorf: "Inzwischen bin ich absolut Staatsanwältin"
Manuela Alphons in ihrer neuen Rolle als Staatsanwältin in "Terror". FOTO: Sebastian Hoppe
Düsseldorf. Manuela Alphons übernahm in "Terror" kurzfristig die Rolle ihrer Kollegin Nicole Heesters, die nach einem Sturz länger pausieren muss. Von Regina Goldlücke

Der Anruf erreichte sie an der Kasse im Supermarkt: "Manuela, hier spricht dein Intendant." Das musste wichtig sein, so viel war klar. Also hektisch zahlen, die Einkäufe verstauen - und dann, noch im Laden, mit Günther Beelitz telefonieren. Ein Unglück war passiert. Schauspielhaus-Kollegin Nicole Heesters - die brillante Staatsanwältin in "Terror" - würde nach einem Sturz mit mehreren Knochenbrüchen für längere Zeit ausfallen. Ob Manuela Alphons ihre Rolle in dem oft gespielten und ständig ausverkauften Publikumsrenner übernehmen könne?

"Überlegt habe ich mir das schon", sagt die Schauspielerin, "dazu zwingen kann man ja keinen. Ich hätte also auch kneifen können." Sie lacht. "Aber dann kam schnell das alte Theaterpferd in mir durch." Und wie Shakespeare, der einmal geäußert habe, "lasst mich den Löwen auch noch spielen", habe sie sich auf das Abenteuer eingelassen. "Wer sollte es denn sonst machen?" fragt Manuela Alphons.

Das Stück wird an vielen deutschen Theatern aufgeführt. Eine Schauspielerin aus einer Produktion von außerhalb nach Düsseldorf zu holen, hätte jedoch einen riesigen logistischen Aufwand bedeutet. "Und teuer wäre es auch gewesen", ergänzt Manuela Alphons. "Außerdem fühle ich mich solidarisch mit dem Haus. In dieser Situation spürte ich das ganz besonders."

Deshalb der Entschluss, mutig ins kalte Wasser zu springen. Den umfangreichen Text musste sie sich in wenigen Tagen einverleiben. Freunde schüttelten den Kopf: "Warum tust du dir das an? Du musst verrückt sein!" Das könne auch wirklich keiner verstehen, der nicht mit Leib und Seele im Theater verwurzelt sei, sagt sie: "Ich hab's ja selber kaum verstanden. Aber trotzdem gemacht." Dann kam, vor über einer Woche, die Feuertaufe. "Es lief ganz gut", erzählt sie, "mit der üblichen Aufregung halt. Man selber ist empfindlich und weiß um seine kleinen Unzulänglichkeiten, die das Publikum meist gar nicht als gravierend einstuft." Theater-Erfahrungen, über Jahrzehnte erworben, hätten ihr geholfen: "Wie bei einer Maschine kann ich auf der Bühne den Motor anwerfen. Und dann geht es in einem Affentempo vorwärts."

Beim Plädoyer der Staatsanwältin griff Manuela Alphons bei ihrer Premiere noch zur Textvorlage. Was hier sogar schlüssig ist. Doch auch diesen Part von "Terror" wollte sich die Perfektionistin schleunigst noch aneignen. Die Klippen in ihrer Rolle spürte sie sofort heraus: "Man darf diesen Text nicht theatralisch aufsagen. Ich versuche ihn sachlich zu formulieren und nicht zu modulieren. Es ist ein komplexes Ringen um Klarheit und Meinung."

In Ferdinand von Schirachs Gerichtsdrama um einen Piloten, der nach dem eigenmächtigen Abschuss eines von Terroristen entführten Flugzeugs 164 Menschenleben auf dem Gewissen hat, weil er Schlimmeres verhüten wollte, fällen die Zuschauer das Urteil. Sie selbst stimmte damals für "unschuldig". Heute hat sie ihre Meinung: "Inzwischen bin ich absolut Staatsanwältin und eine strenge Verfechterin des Grundgesetzes. Aus Überzeugung sage ich: Die Würde des Menschen ist unantastbar."

Manuela Alphons wirkt im Central auch noch bei Brechts "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" mit. Und glänzt als ehemalige Tingeltangel-Tänzerin in Peter Turrinis Zwei-Personen-Stück "Josef und Maria". "Die Rollen stürzen gerade nur so auf mich zu", sagt sie, "schön, wenn es für Schauspielerinnen meines Alter noch so viel zu tun gibt." Jetzt allerdings sei ein Arbeitspensum erreicht, bei dem sie ein wenig auf sich aufpassen und mit ihren Kräften haushalten müsse.

Trotzdem lässt sie sich immer wieder mit großer Lust auf die Bühne locken, sobald es um Herzensdinge geht. Dazu gehört ihr Brecht-Abend "Wenn mein Glück aussetzt, bin ich verloren" am 9. März, mit Liedern von Weill, Dessau und Eisler. Er entstand während ihrer Zeit am Bochumer Schauspielhaus, hat sich seitdem immer weiter entwickelt. Manuela Alphons verehrt den Lyriker Brecht, der 2000 Gedichte schrieb, für seine poetische Zartheit und seine Klarsicht: "Es geht um das Fremdsein, in der Liebe, im Exil, in sich selbst", beschreibt sie. "Durch die Flüchtlings-Debatte sind seine Gedichte aktueller denn je."

Quelle: RP
 
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