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Düsseldorf
Ist dieser Mann im Kiosk womöglich ein Schauspieler?

Düsseldorf. Beim Asphalt-Festival erkundete das Stück "Weltproben - eine Versammlung" den Oberbilker Markt. Wer zuschaute, spielte mit. Von Thomas Hag

"Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler, sie treten auf und gehen wieder ab." Das hat William Shakespeare gesagt, und wir, acht Männer und Frauen, sind angetreten, um dieses Zitat in die Wirklichkeit zu bringen. Das Drama Köln hat sich und uns den Oberbilker Markt auserkoren, um unter dem Titel "Weltproben - ein Versammlung" neue Formen zu probieren. Dort sollen wir eine Performance zu starten, bei dem wir unsere Rollen spielen - geleitet, aber auch uns selbst überlassen.

Mit Kopfhörern ausgestattet finden wir uns auf dem Oberbilker Markt wieder. Das ist kein Ort, der großes Theater verspricht - oder doch? Über die Kopfhörer bekommen wir Anweisungen, es werden uns Eindrücke vermittelt, Dinge, die wir vielleicht noch nicht wissen. Wir haben den gesicherten Ort des Theaters verlassen und stehen mitten im urbanen Raum. Weil heutzutage viele Leute auch auf der Straße Kopfhörer tragen, fallen wir nicht weiter auf unter den Passanten und den Flaneuren; als eine junge Frau mich bittet, die Hörer abzunehmen, fragt sie mich nur nach dem Weg zum Hauptbahnhof. Zufall - oder gehört sie auch zu den Mitspielern, die ich nicht kenne, die aber Teil der Performance sind? Und gleich fällt etwas auf. Sind nicht alle hier Mitspieler und Statisten, auch die Straßenbahn- und Radfahrer, der Kioskbesitzer? Seit der "Truman Show", dem Film von Peter Weir mit Jim Carrey haben wir gelernt, der Wirklichkeit zu misstrauen und dennoch an ihr teilzunehmen.

Zumal wir auch Informationen bekommen, die der Realität entsprechen. Dass sich unter dem Oberbilker Markt ein Bunker befindet oder dass Woolworth früher Kaufhof war und eine blaue Fassade besaß? Das alles und vielleicht noch mehr wusste der alte Mann, dessen fiktiven Spuren wir nun folgen. Am Ende geht es zu einem Innenhof mit Garage und dem Eingang eines Hauses auf der Josephstraße. Dort hören wir den Nachrichten auf einem Anrufbeantworter zu. Etwas unheimlich, wie nah kommt man da den Leben der anderen?

Schließlich treffen wir uns in einem Hotel in der Nähe und erhalten Aufgaben, mit denen wir endgültig Teil der Performance werden. Ich soll so tun, als trage ich eine Plastiktüte mit zwei Kanistern Öl. Und obwohl ich meine eigene Tasche trage, in der sich natürlich kein Öl befindet, trage ich das eingebildete Gewicht mit mir herum. Ganz schnell werde ich tatsächlich zum Spieler einer Rolle. Noch einmal spricht mich jemand an und fragt, wie es denn so laufe. Auch ein Statist oder nur ein etwas verwirrter Mann? Der junge Mann mit Rollator gehört bestimmt zum Spiel, den sieht man während der neunzig Minuten oft.

Spannend ist das, rätselhaft und erhellend, Nur am Ende wird es etwas seltsam. Da wird ein roter Teppich auf dem Markt ausgerollt, wir, die Schauspieler, die wir ja waren, überqueren wir ihn unter dem Applaus des Teams. Ein junger Mann (unser Regisseur?) erhöht die Szenerie, stilisiert das urbane Geschehen zu einer Feier des Alltags. Fast schade, denn die Eindrücke, die Spaziergänge und die Orte hatten schon genügend Impulse geboten.

Den Oberbilker Markt wird man in Zukunft mit anderen Augen sehen. Am Ende geben wir unsere Kopfhörer wieder ab. Das Spiel ist zu Ende.

Quelle: RP
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